Europäische Lebensmitteleinzelhändler haben schwere Zeiten hinter sich
Tesco wird bei Analysten hoch gehandelt

Die Aktien europäischer Lebensmitteleinzelhändler sind an der Börse nicht der Renner. Ihre Performance bewegt sich seit Oktober 1998 unterdurchschnittlich zum Verlauf des DJ-Euro-Stoxx. Die großen Spieler der Branche werden von Analysten unterschiedlich bewertet. Gut an kommt momentan Tesco, Ahold wird unterschiedlich angesehen, Carrefour eher skeptisch. Die deutsche Metro muss die selbst gesetzten Zielvorgaben noch erreichen.

DÜSSELDORF. Unter den großen europäischen Playern im Lebensmitteleinzelhandel - wie die französische Carrefour, die niederländische Ahold oder die deutsche Metro - gilt die britische Tesco bei den Börsianern derzeit als Liebling. Der Kurs stieg seit Mitte September von 215 auf 249 Pence. "Das ist die Aktie, die wir zum Kaufen empfehlen", sagt Nikolai Baltruschat, Analyst der Deutschen Bank in Frankfurt. Dem schließt sich die Investmentbank Salomon Smith Barney an: Auch sie empfiehlt Tesco (Umsatz: 20,3 Mrd. £) zum Kauf. Attraktiv sei das Papier schon deshalb, weil es in der Bewertung unter dem europäischen Schnitt liege, betont Baltruschat.

"Aus unserer Sicht war Tesco nie in besserer Verfassung", urteilen die Londoner Analysten. "Das Unternehmen ist nicht nur gut mit dem Einstieg von Wal-Mart in den britischen Markt zurecht gekommen, sondern ist daran gewachsen und wettbewerbsfähiger geworden."

So schnell kann sich das Blatt wenden. Vor einem Jahr hätte kaum jemand einen Pfifferling für die Aktie gegeben, denn die Zeichen in Großbritannien standen auf Sturm: Wal-Mart hatte in einem überraschenden Coup im Sommer 1999 den britischen Lebensmitteleinzelhändler Asda Group übernommen und drastische Preissenkungen angekündigt. Für den britischen Einzelhandel, der bis dato mit über 5 % die höchsten Umsatzrenditen in Europa erzielte, bedeutete Wal-Marts Auftauchen eine Zäsur. Analysten rieten zur Vorsicht, da die Margen durch den Preiskrieg stark unter Druck geraten würden. "Die Befürchtungen, dass Asda alle platt machen würde, haben sich nicht erfüllt", konstatiert Deutsche Bank-Analyst Baltruschat heute. Tesco konnte seinen Marktanteil auf der Insel sogar noch erhöhen.

Tesco macht im Internet bereits 200 Millionen Euro Umsatz

Positiv ins Gewicht fällt für Tesco zudem, dass sich die Briten mit ihrer Auslandsexpansion in die Riege der internationalen Player eingereiht haben, wie Salomon Smith Barney lobt. Bis Ende 2000 wird Tesco 68 Märkte in Osteuropa und Asien haben und plant 2001 weitere 62. Vor allem aber habe das Unternehmen bewiesen, dass man mit E-Commerce Geld verdienen könne, betont Baltruschat. In diesem Jahr erwartet Tesco einen Internet-Umsatz von 200 Mill. £ (1999: 50 Mill. £).

Kontrovers wird dagegen die Aktie der Ahold N.V. (Umsatz: 33,7 Mrd. Euro) diskutiert. Für Holger Schwesig, Analyst der Frankfurter DG-Bank, ist das Papier der Favorit in seinem Marktsegment und ein "Kauf". Er erwartet auf Sicht von sechs Monaten einen Kursanstieg von 15 % - der EuroStoxx-Wert notiert aktuell bei 32 Euro. Für Schwesig hat Ahold einiges zu bieten. Er lobt die konsequente Internationalisierung durch den Kauf von Unternehmen, die eine starke Marktposition und einen guten Markennamen haben. Im E-Commerce - 2000 planen die Niederländer 240 Mill. Euro Umsatz - sieht Schwesig Ahold ähnlich stark wie Tesco.

Überzeugt ist er von Aholds Strategie, sich als Multi-Chanel-Anbieter oder Food-Service-Provider zu profilieren. Das heißt: Zum Beispiel nach Übernahme der US-Gesellschaft Food Services, die Lebensmittel an Großabnehmer wie Gastronomiebetriebe liefert, bietet Ahold alles aus einer Hand: den Einzelhandel mit Nahrungsmitteln, den Verkauf von frischen Fertiggerichten in seinen Märkten sowie den Verkauf von Nahrungsmitteln via Internet.

Skeptisch sieht die Deutsche Bank die Ahold-Aktie, weil die Niederländer in Europa noch weit von ihrem Expansionsziel entfernt sind. Ahold macht fast 57 % des Umsatzes in den USA. In Europa habe das Unternehmen, so bedauert Deutsche-Bank-Analyst Baltruschat, durch die Übernahme der spanischen Superdiplo nur wieder eine Arrondierung vorgenommen. Er vermisst den großen Deal.

Genau analysieren muss man aus Sicht der Deutschen Bank auch Umsatz und Ertragszahlen. Durch die starke Präsenz in den USA profitierte Ahold beim Halbjahresgewinn je Aktie (plus 32,3 %) und dem operativen Ergebnis (plus 50 %) vom starken Dollar-Kurs. Und beim erwarteten Ertragsplus von etwa 55 % für das Jahr 2000 spiele die erstmalige Konsolidierung von Neuerwerbungen eine Rolle. Ohne Sondereffekte wäre das operative Halbjahresergebnis laut Deutsche Bank nur um 13 % und der Gewinn je Aktie nur um 12 % gestiegen.

Carrefour kommt beim Internethandel nur langsam in Schwung

Als Market Performer mit einer Kursentwicklung im Marktdurchschnitt stuft Baltruschat die Carrefour-Aktie ein, die aus seiner Sicht mit rund 84 Euro deutlich überbewertet ist: "Die Geschäftseinheiten in Lateinamerika und Asien sind gemessen an den dortigen Vergleichsunternehmen zu hoch bewertet." Sehr kritisch sieht er zudem die Tatsache, dass die Franzosen erst in diesem Jahr den Einstieg in den elektronischen Handel angekündigt und die geplanten Internet-Investitionen bereits wieder um 35 % gekürzt haben.

Positiver sieht Jürgen Elfers von der Commerzbank in London Carrefour (Umsatz: 52 Mrd. Euro). Er stellt die Aktie auf Akkumulieren (zukaufen). Beeindruckt habe das Unternehmen beim jüngsten Analysten-Meeting mit den Fortschritten im Merger-Prozess und der einzelnen Vertriebstypen. Für ihn liegt der Charme der Aktie - er sieht in ihr den bevorzugten Wert der Branche - in der Internationalisierungsstrategie. Die Franzosen streben in allen Ländern, in denen sie präsent sind, die Marktführerschaft an. Das ist ihnen bereits in Frankreich, Spanien und Belgien gelungen.

Metro hat ambitionierte Pläne

Die Aktie der Düsseldorfer Metro (Umsatz 85 Mrd. DM), die nur mit ihren Töchtern Real (SB-Warenhäuser) und Extra (Verbrauchermärkte) im Lebensmitteleinzelhandel präsent ist, wird von Marcus Reck, Analyst der Hypovereinsbank, auf Marktneutral gestellt. Während die Kerngeschäftsfelder Cash & Carry und die Elektrofachmärkte erfreuliche Gewinne abwerfen, werden die renditeschwachen Bereiche Lebensmittel und Baumärkte kritisch gesehen. Die angestrebten Zielrenditen von 2,5 % für Real, 1,5 % für Extra und 4 % für die Baumärkte bis 2002/2003 hält für Reck sehr ambitioniert. Inzwischen hat das Management klar gestellt, dass die Töchter verkauft werden, wenn sie im gesetzten Zeitrahmen das Ziel nicht erreichen. Insofern schöpft die Aktie ihr Kurspotenzial aus zwei Quellen: Entweder die Renditen werden erreicht oder die Beteiligungen verkauft. Allerdings gibt Baltruschat zu bedenken, dass die Investoren ungeduldig werden, weil der Zeithorizont für das Erreichen der Ziele immer wieder nach hinten verschoben werde.

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