Europäische Unternehmen schrecken auf lange Sicht die Anleger ab
Schweigen kommt vor dem Fall

W er an den US-Aktienmärkten die Erwartungen der Analysten enttäuscht, wird gnadenlos abgestraft. Angesichts des rauen Klimas haben die meisten US-Unternehmen die Flucht nach vorn ergriffen und geben ihren Anlegern möglichst früh Bescheid, in welche Richtung sich das Ergebnis entwickeln wird.

wsj/sia FRANKFURT. Anders in Europa. Hier sind die Unternehmen, die sich zu Gewinnwarnungen durchringen, noch in der Minderheit. Kürzlich hat sich Siemens zu ihnen gesellt. Viele Unternehmen hoffen offenbar immer noch, Schweigen sei besser für den Aktienkurs. Doch dies hilft nichts: Die Investoren verkaufen im Zweifel auch ohne Gewinnwarnungen - oder gerade wegen des Ausbleibens einer Warnung. Denn dass es den europäischen Firmen besser gehen sollte als ihren Konkurrenten in den USA, glaubt hier niemand.

"Oft fragt man sich, ob die Firmen eigentlich nicht früher wissen, wie es um sie steht", klagt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Bestenfalls kann man ihnen raten, ihre eigene Rechnungsprüfung zu verbessern. In den schlimmeren Fällen riecht es kriminell."

Dabei sind die Vorschriften beiderseits des Atlantiks gar nicht so unterschiedlich. In den USA schreibt die Börsenaufsicht (SEC) Unternehmen vor, umgehend alle Informationen zu veröffentlichen, die "ein vernünftiger Anleger benötigt, um eine informierte Entscheidung über eine Investition zu treffen". Im vergangenen Oktober hat die SEC dieses Regelwerk durch die so genannte Fair-Disclosure-Rule verschärft. Diese Regel nimmt die Unternehmen zusätzlich in die Pflicht, kursrelevante Informationen sofort allen Marktteilnehmern gleichzeitig zugänglich zu machen - und nicht etwa nur handverlesenen Analysten.

H & M lieferte Negativbeispiel

In Europa allerdings ist es mit der Einstimmung der Aktionäre auf unangenehme Entwicklungen noch nicht so weit her. So legte vor kurzem etwa das schwedische Bekleidungshaus Hennes & Mauritz ohne Vorwarnung ein in der Analystenzunft unerwartet schlechtes Quartalsergebnis vor. Die Unternehmensspitze schob die Schuld den Analysten zu. Diese hätten die Erwartungen künstlich hoch geschraubt. Die Quittung: Die Aktie brach ein.

Eine solche Haltung können sich US-Unternehmen schon allein deswegen nicht leisten, weil ihnen sofort Gerichtsprozesse drohen. US-Kanzleien warten nur darauf, Unternehmen auf Schadensersatz wegen unzureichender Anlegerinformationen zu verklagen.

Investmentbanker erwarten allerdings, dass in Europa Besserung in Sicht ist. "Die Marktregulierungen gehen in dieselbe Richtung - wenn auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit", urteilt Greg Wright, Leiter Unternehmensfinanzierungen für Europa, Nahost und Afrika bei Merrill Lynch.

Im Zweifelsfall wird es der Markt richten: Denn Unternehmen, die mit Informationen hinterm Berg halten, haben es schwer, neues Kapital aufzunehmen. Der Investor ist König.

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