Europäische Wachstumswerte erholen sich langsam
Dem Kurssturz folgt die Suche nach Überlebenden

Für die Anleger am Neuen Markt war es ein grausamer Winter. Mit dem Frühling schöpfen sie neue Hoffnung. Denn eine Trendwende scheint beim Nemax-50-Index erkennbar.

Der Fall war tief: vom Allzeithoch mit 9 666 Punkten auf ein Tief bei 1 250 Punkten. Das hat Wunden hinterlassen - aber auch, ein schwacher Trost, nützliche Lehren erteilt. Statt auf Versprechen zu setzen, suchen Analysten und Anleger jetzt nach Unternehmen, die bewiesen haben, dass sie profitabel sind, und deren Gewinne in Zukunft noch steigen könnten. "Wir rennen nicht mehr jedem Geheimtipp hinterher", sagt Marc Schädler, der beim Fondsmanager Nordinvest den Fonds Europe Growth verwaltet. "Wir konzentrieren uns auf Qualitätsunternehmen, deren Geschäftsführung wir seit zwei oder drei Jahren kennen." Die Suche nach Überlebenden der "Lawinenkatastrophe", die Unternehmen wie EM.TV und Intershop ausgelöst haben, ist noch nicht abgeschlossen. Die beiden Nemax-Schwergewichte haben mehr als 95 % ihres Werts verloren, nachdem sie ihre eigenen, viel zu optimistischen Gewinnversprechungen nicht einhalten konnten. Hierfür wurden sie mit Milliarden-Abstrichen bei ihrer Marktbewertung bestraft.

SES Research, ein Hamburger Analyse-Unternehmen, das sich auf den Neuen Markt konzentriert, hat im April in einer Studie einige Unternehmen am Neuen Markt genannt, in denen es noch Anlagepotenzial vermutet. Hierzu gehörte Thiel Logistik, ein 16 Jahre altes, in Luxemburg ansässiges Logistik-Beratungsunternehmen. Nach SES-Erwartung werden sich die Netto-Einnahmen von Thiel Logistik in diesem Jahr auf 46,2 Mill. Euro mehr als verdoppeln. "Ob das Unternehmen bereits profitabel ist, ist im Moment nicht die wichtigste Frage", betont Henner Rüschmeier, geschäftsführender Gesellschafter von SES und Mitautor der Studie. "Hauptsache ist, das Unternehmen hat realistische Aussichten, Gewinne zu erwirtschaften." Der Businessplan müsse solide sein.

Auch die Singulus Technologies AG, ein fünf Jahre alter Gerätehersteller für die Produktion von CD-ROM, hat einen Platz auf der Kaufliste vieler Investoren. Das Unternehmen hat 2000 seine Netto-Einnahmen auf 95,2 Mill. DM mehr als verdoppeln können (Vorjahr: 48,6 Mill. DM). In diesem Jahr wird sich das Wachstum nach Unternehmensangaben zwar verlangsamen. Dennoch erwarte man, profitabel zu bleiben, ließ das Unternehmen wissen. "Die Singulus-Aktie hat sich in diesem Monat mehr erholt als viele andere am Neuen Markt es in Jahren tun werden", prognostiziert Schädler - und dies obwohl das Unternehmen einer zyklischen Branche angehört.

Kaufgelegenheiten bei den Medienwerten

Bei den Medien-Werten am Neuen Markt halten die Investoren sich noch zurück - der Schrecken über den Zusammenbruch der EM.TV - Aktie sitzt tief. Damit könnten sich einige wenige Kaufgelegenheiten ergeben. Die vermuten die ersten mutigen Anleger bei der IM Internationalmedia AG. Der Film-Vertrieb setzte sich von vielen anderen Unternehmen dadurch ab, dass er im vergangenen Jahr einen 20-Millionen-Euro-Gewinn einfuhr. In diesem Jahr könnte der Gewinn Analysten-Einschätzung zufolge auf 34 Mill. Euro steigen. Nach SES-Ermittlungen waren im vergangenen Jahr 23 der Nemax-50-Unternehmen profitabel. "Die Film-Branche hat eine ganze Reihe von Problemen", so Oliver Rupprecht, Medien-Analyst bei M.M. Warburg. "Die Werbeeinnahmen brechen ein, das hat zu einer ganzen Reihe enttäuschender Ergebnisse geführt. Und dann gab es noch eine Reihe falscher Aussagen von Vorstandschefs, was zu einem Vertrauensverlust führte."

In Ungnade fielen auch die Hersteller von Internet-Software. Auslöser war hier das Schwergewicht Intershop. Der Hersteller von E-Commerce-Software musste in den letzten beiden Quartalen zusehen, wie seine Verluste explodierten. Eine Ausnahme auf diesem Gebiet ist nach Meinung einiger Investoren die Biodata Information Technology AG, ein Hersteller für Internet-Sicherheitssoftware. Die Biodata-Aktie erreichte Anfang April ihr Tief von 14,61 Euro, das sind minus 89 % seit dem Höchststand von 134 Euro im Jahr 2000. Anders als Intershop fährt Biodata aber noch immer Gewinne ein - wenn auch bescheidene. "Biodata ist ein Unternehmen, dass seinen Wert unabhängig von Konjunkturtrends steigern kann", urteilt Raik Hoffmann, Fondsmanager bei DWS.

Dass der Neue Markt Wachstumspotenzial birgt, darüber sind sich Investoren und Analysten einig. Die bange Frage ist allerdings: Kehren die Anleger zurück? So mancher Privatanleger habe sich mit geringen Erfahrungen gleich an den Neuen Markt gewagt, sagt SES-Chef Rüschmeier: "Das ist ein bisschen so, als wenn man seine Fahrstunden im Ferrari absolviert. Eine etwas extreme Erfahrung, aber ich glaube, so mancher ist dabei auf den Geschmack gekommen und wird zurückkommen."

Um das Anleger-Vertrauen wieder herzustellen hat die Deutsche Börse als Betreiberin des Neuen Markts in diesem Frühling neue Regeln eingeführt. So müssen die Unternehmenschefs den Verkauf von Aktien des eigenen Unternehmens jetzt innerhalb von drei Tagen melden. Diese Informationen veröffentlicht die Deutsche Börse dann auf der Website. Zudem hat die Börse eine "Name-and-Shame"-Kampagne gestartet - und im April die Namen derjenigen Unternehmen im Web veröffentlicht, die ihren Finanzbericht nicht fristgerecht eingereicht haben.

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