Europäische Zentralbank
Countdown zur Zinssenkung

In zehn Tagen tagt der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder, um über die Leitzinsen zu entscheiden.

Die letzte Zinssenkung von 3,25 auf 2,75 Prozent liegt dann drei Monate zurück; diese Zeitspanne reicht dem Rat offenbar, um jetzt eine neuerliche Senkung zu rechtfertigen. "Wenn wir neue Informationen bekommen oder zu einer neuen Einschätzung der mittelfristigen Aussichten für die Preisstabilität oder die Wirtschaftsentwicklung gelangen, werden wir nicht zögern zu handeln", sagte EZB-Präsident Wim Duisenberg am Samstag in Paris beim Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure der G7.

Viel deutlicher kündigen Notenbanken eine Zinssenkung nicht oft an. Bereits nach der letzten Zins-Sitzung Anfang Februar hatte Duisenberg durchblicken lassen, dass der Rat seine Wachstumsprognose, die im Mittel der angegebenen Spanne auf 1,6 Prozent in diesem Jahr hinausläuft, wohl werde senken müssen. Letzte Woche vor dem EU-Parlament wollte er die Prognose nicht mehr wagen, dass das Wirtschaftswachstum noch in diesem Jahr ein akzeptables Niveau erreichen werde. Und am Samstag legte er noch eins drauf, indem er sagte, die jüngsten Daten sprächen eher dagegen.

Nach drei Monaten steht ohnehin eine interne Überprüfung der 1,6-Prozent-Wachstum-Prognose der EZB von Dezember an. Es ist so gut wie sicher, dass der Rat sie deutlich senken wird, wahrscheinlich um knapp einen halben Prozentpunkt.

Der EZB-Rat scheint die Prozedur genau so wiederholen zu wollen wie vor der letzten Zinssenkung. Im November war deutlich geworden, dass eine Zinssenkung anstand. Das Warten um einen Monat wurde später damit begründet, dass man auf die neuen Prognosen im Dezember warten wollte.

Mit dieser Vorgehensweise wertet der EZB-Rat die Konjunktur- und Inflationsprognosen des EZB-Stabs, von denen er sich formal bisher noch deutlich distanziert, deutlich auf. Sie werden immer mehr zum zentralen Input der Entscheidungsfindung des EZB-Rats. Das ist gut und vernünftig, entspricht es doch dem Standard moderner Notenbanken.

Allerdings sollte dieses Verfahren nicht genutzt werden, dem Hang des übergroßen und entscheidungsschwachen EZB-Rats zu verspätetem Handeln noch Vorschub zu leisten. Auch wäre es sehr erstrebenswert, wenn die Analysekapazität der EZB so weit ausgebaut würde, dass die Prognosen über das Nachvollziehen der herrschenden Meinung unter den sonstigen Prognostikern hinausgingen.

Einen möglichen Ölpreisanstieg im Zuge eines Irak-Kriegs, der die Inflationsraten kurzfristig in die Höhe treiben würde, ließ Duisenberg nicht als Argument gegen eine Zinssenkung gelten. Auch an sein Gegenargument vom Vormonat, wonach der Effekt einer Zinssenkung im Vorfeld eines Krieges verpuffen würde, wollte der EZB-Präsident zu Recht nicht gern erinnert werden. Es ist ein schlechtes Argument.

Wenn die Konjunktur- und Inflationsperspektiven schon ohne Krieg eine Zinssenkung angeraten sein lassen, dann sollte man sie auch beschließen. Wenn die USA losschlagen und die Gefahr einer Weltrezession heraufbeschwören, gibt es allen Grund, nochmals zu handeln.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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