Europäische Zentralbank gerät unter Handlungsdruck
Märkte erwarten Zinssenkung vor Jahresende

"Jetzt muss dringend etwas passieren", sagte Martin Hüfner von der Hypo-Vereinsbank in einer Handelsblatt-Umfrage bei Chefvolkswirten wichtiger Banken.

FRANKFURT/M. Hüfner geht davon aus, dass Europa eine lang anhaltende Phase schwachen Wirtschaftswachstums bevorsteht. Hinsichtlich eines Termins für eine Zinssenkung dämpft Hüfner allzu kühne Hoffnungen: "Nächste Woche wäre für eine Zinssenkung wohl zu früh." Die EZB habe die Öffentlichkeit noch nicht vorbereitet. "Aber Anfang Oktober wäre ein guter Termin", so Hüfners Fazit.

Am Geldmarkt, der als ein sehr guter Indikator für die Leitzinserwartungen der Finanzmarktteilnehmer gilt, wurde Dreimonatsgeld mit Fälligkeit im Dezember gestern nur noch mit einem Zinssatz von 3,10 % gehandelt, deutlich unter dem EZB-Leitzins von 3,25 %. Das bedeutet, dass die Finanzmärkte noch vor Jahresende fest mit einer Zinssenkung kalkulieren. Noch vor zwei Wochen hatten die Märkte erwartet, dass der nächste Zinsschritt eher nach oben als nach unten gehen würde. Stark angefacht wurde die Zinssenkungsspekulation gestern durch die überraschende Mitteilung, dass die Auftragseingänge der deutschen Industrie im Juli weiter deutlich zurückgegangen sind.

Dennoch sind viele Chefvolkswirte noch skeptisch, ob die EZB so bald handeln wird, wie die Märkte das erwarten. "Nach der Ratssitzung nächsten Donnerstag dürfte EZB-Chef Wim Duisenberg die Tür für eine spätere Zinssenkung verbal etwas öffnen, aber nicht sehr", prognostiziert José-Luis Alzola von Schroder Salomon Smith Barney.

Hauptgrund für die Zweifel der meisten Ökonomen ist die Inflationsrate, die an der von der EZB gesetzten Obergrenze von 2 Prozent verharrt. "Der gegenwärtige Leitzins der EZB ist im Rahmen ihres Zielsystems angemessen. Aber das Ziel ist so ehrgeizig, dass die EZB das Wirtschaftswachstum sehr niedrig halten muss, um es zu erreichen", lautet der kritische Kommentar von Robert Prior-Wandesforde von der britischen Großbank HSBC.

Obwohl er für Europa und die USA ein sehr schwaches Wachstum voraussieht, rechnet Prior frühestens im Jahr 2003 mit einer entsprechenden geldpolitischen Reaktion der EZB. Ulrich Hombrecher von der WestLB ist zwar ebenfalls nicht optimistisch für die Konjunktur. Er rechnet für den Euro-Raum mit einem Wachstum von knapp 1 Prozent in diesem Jahr, für Deutschland mit einem halben Prozent. Dennoch hält er bis auf weiteres stabile Leitzinsen für angemessen, weil in seinen Augen die Probleme der Wirtschaft nichts mit der Geldpolitik zu tun haben.

Bankenvolkswirte und Forschungsinstitute rechnen der Umfrage zufolge nun nur noch mit einem Wachstum von 0,5 bis 1,0% im Euro-Raum und von 0,0 bis 0,6% in Deutschland. Auch die EU-Kommission in Brüssel musste gestern einräumen, dass sie ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum von bislang 1,4% in diesem Jahr nicht mehr wird halten können.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%