Europäische Zentralbank will den Zinssatz senken
Analysten rätseln über den Zeitpunkt der Zinssenkung

Ob die Europäische Zentralbank (EZB) schon am Donnerstag oder erst auf der folgenden Ratssitzung am 11. April die Zinsen senkt, ist nach Einschätzung von Analysten nahezu offen.

Reuters FRANKFURT. Nach teilweise uneinheitlichen Aussagen von EZB-Ratsmitgliedern in den vergangenen Tagen und steigendem politischen Druck, die Zinsen zu senken, fällt das Votum der Experten denkbar knapp aus.

Während eine knappe Mehrheit der von Reuters befragten Volkswirte keine Zinssenkung am Donnerstag erwartet, setzen die meisten Geld- und Rentenhändler darauf, dass die EZB den Schlüsselzins um 25 Basispunkte auf 4,50 zurück nehmen wird, um einen deutlichen konjunkturellen Abschwung in der Euro-Zone zu verhindern. Erst am Montag hatte IWF-Chefvolkswirt Michael Mussa gesagt, die EZB sollte eine Zinssenkung erwägen. Die EZB wird ihren Zinsentscheid gegen 13.45 Uhr am Donnerstag bekannt geben.

"Märkte sind verwirrt"

Die Aussagen der EZB-Ratsmitglieder in den vergangenen zehn Tagen fasste ein Analyst so zusammen: "Wenn die EZB die Märkte vorsätzlich verwirren wollte, dann ist ihr das sehr gut gelungen." Wie eine Reuters-Umfrage am Dienstag ergab, erwarten 17 der 30 Befragten keine Zinssenkung auf der Ratssitzung am Donnerstag. Acht der Befragten prognostizierten eine Leitzinssenkung und fünf sehen die Wahrscheinlichkeit für niedrigere Zinsen bei 50 %. "Am Markt überwiegen im Moment die Optimisten, die bereits am Donnerstag mit einer EZB-Leitzinssenkung rechnen", sagte hingegen ein Rentenhändler.

Jürgen Pfister von der Commerzbank sieht noch keinen Zinsschritt: "Die Aufgeregtheit ist groß, aber angesichts der Inflationsentwicklung mit einer Kernrate von 1,8 % in der Euro-Zone, wird die EZB wohl noch bis zum 11. April warten", sagte der Volkswirt. Anders äußerte sich Jörg Krämer von Invesco Asset Management: "Die Zinssenkung kommt am Donnerstag. Vor allem die Aussagen von Issing und Trichet wirkten sehr aufeinander abgestimmt. Außerdem wird die EZB sich nicht vorwerfen lassen wollen, dass sie zu spät gehandelt hat."

Baldige Zinssenkung angedeutet

EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte ungewöhnlich deutlich darauf hingewiesen und damit Analysten zufolge eine baldige Zinssenkung angedeutet. Sollte die Euro-Zone mit ihrem Potenzialwachstum von 2,0 bis 2,5 % expandieren, sei dies keine schlechte Nachricht, sondern ein robustes Wachstum, hatte Issing gesagt. Der französische Notenbankchef Jean-Claude Trichet hatte auf die schwächeren Wachstumsaussichten und zugleich niedrigere Inflationsgefahren hingewiesen. Bislang hatte EZB-Chef Wim Duisenberg ein Wachstum von knapp drei Prozent in Aussicht gestellt und noch am vergangenen Mittwoch die abwartenden zinspolitische Haltung der EZB bekräftigt. Bundesbankpräsident Ernst Welteke hatte am vergangenen Freitag hingegen für eine ruhige Hand in der Geldpolitik plädiert und vor "hektischen" Entscheidungen der EZB gewarnt. Damit dämpfte er die Zinssenkungserwartungen am Markt. Welteke sagte zudem, die EZB brauche noch weitere Daten für eine Zinssenkungsentscheidung. "Damit könnte er die Geldmengendaten für Februar gemeint haben", sagte Pfister.

Rückgang des M3-Wachstums um 0,2 % erwartet

Im Durchschnitt rechnen die 14 von Reuters befragten Volkswirte mit einem Rückgang des M3-Wachstums auf 4,5 % von 4,7 % im Vormonat. Damit hätte M3 den Referenzwert der EZB von 4,5 % erreicht, und könnte der EZB ein Argument für eine baldige Zinssenkung bieten. Denn der Inflationsdruck sei mit dem schwächeren M3-Wachstum gesunken, sagten die Experten übereinstimmend. Die Geldmengenentwicklung ist neben einer breiten Beurteilung der Inflationsaussichten eine der zwei Säulen, an denen die Zentralbank ihre Zinspolitik ausrichtet. Die EZB wird die M3-Zahlen im Laufe der Wochen veröffentlichen.

Auf Dauer werde sich die EZB nicht von dem weltweiten Trend zu Leitzinssenkungen abkoppeln können, sagten die Experten. Anders als die Notenbanken in den USA und Japan hat die EZB ihre Geldpolitik seit Herbst 2000 nicht gelockert.

Zeichen für Wachstumsabschwächung in der Euro-Zone

In den einzelnen Ländern der Euro-Zone sind zuletzt einige Zeichen für eine Wachstumsabschwächung deutlich geworden. In Frankreich sank etwa der private Verbrauch im Februar und die französische Regierung nahm die Wachstumsprognose um 0,4 Prozentpunkte auf 2,9 % für 2001 herunter. In den Niederlanden fiel das Verbrauchervertrauen auf sechs Punkte im Februar von 12 Punkten im Vormonat. Die Industrieproduktion in der gesamten Euro-Zone sank im Januar unerwartet deutlich um 1,9 % zum Vorjahresmonat.

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