Europäischer Gerichtshof entscheidet über deutsches Verbot des Arzneimittel-Versandhandels
Pharma-Versand bleibt umstritten

Auf der politischen Agenda ist das Thema in den vergangenen Monaten eher in den Hintergrund getreten. An Brisanz hat die Frage des Versandhandels mit Arzneimitteln dennoch kaum verloren. Denn die maßgebliche Entscheidung fällt womöglich nicht in Berlin, sondern in Luxemburg.

DÜSSELDORF. Dort soll der Europäische Gerichtshof (EuGH) auf Anfrage des Landgerichts Frankfurt in den nächsten Wochen klären, ob das deutsche Verbot des Arzneimittel-Versandhandels ausländischen Unternehmen den Marktzugang unnötig erschwert - und damit gegen Gemeinschaftsrecht verstößt. Kippen die Richter das deutsche Verbot - so die Hoffnung der Kritiker und die Sorge der deutschen Apotheker - könnte dies einen Umbruch im Pharmahandel einleiten und mittelfristig womöglich sogar den bisher noch untersagten Apotheken-Filialketten in Deutschland den Weg ebnen.

Der unmittelbare Vorteil des Versandhandels mit Medikamenten ist dabei weiterhin heftig umstritten. Das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (Wido) schätzt das Einsparpotenzial im Arzneimittelhandel auf bis zu 1 Mrd. Euro pro Jahr. Sowohl die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen als auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt haben sich daher schon vor Monaten für eine Freigabe des Pharmaversandhandels unter engen Rahmenbedingungen ausgesprochen. Apothekerverbände und Großhandel dagegen sehen so gut wie keine Kostenvorteile. Die Unternehmensberatung Ernst & Young Cap Gemini kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass der Versandhandel allenfalls dann Sparpotenzial verspricht, wenn der gesamte Pharmamarkt weitgehend liberalisiert würde - was auf der politischen Ebene bisher jedoch nirgends ernsthaft diskutiert wird.

Die E&Y-Experten verweisen unter anderem auf die Beispiele Niederlande und Schweiz, wo der Versandhandel erlaubt ist, aber nur minimale Marktanteile erreicht. Lediglich auf dem liberalen, aber sehr hochpreisigen US-Pharmamarkt hat der Versandhandel mit rund 13 % Anteil größere Bedeutung.

Für Bewegung in der Debatte und Furore in den Medien sorgt unterdessen vor allem die niederländische Internet-Apotheke DocMorris, die nach eigenen Angaben mit Lieferungen an deutsche Kunden wöchentlich um 5 % expandiert. Seitdem der Deutsche Apothekerverband (DAV) gegen den Preisbrecher unter anderem wegen entgangenem Umsatz klagt, hält sich DocMorris-Chef Ralf Däinghaus mit genauen Geschäftszahlen zurück. Fachleute gehen indessen davon aus, dass die Internet-Apotheke im niederländischen Landgraaf im laufenden Jahr Medikamente für rund 25 Mill. Euro verkaufen wird, nach 5 Mill. Euro im Vorjahr. "Wir haben soeben damit begonnen, eine schwarze Null zu schreiben", sagte der Chef des etwa 100-köpfigen Unternehmens dem Handelsblatt. Neue Konkurrenz nach einem möglichen Machtwort des EuGH fürchtet er nicht. "Als alleiniger Internetversender werden wir das Image eines Exoten kaum los. Doch erst der Wettbewerb macht den Markt."

Die Niederländer können nach eigenen Angaben deutlich günstigere Preise bieten, weil sie oft direkt bei den Herstellern einkaufen oder beim Großhandel hohe Rabatte ergattern. Entsprechend wittern zahlreiche Krankenkassen Einsparpotenzial. Versicherten der Gmünder Ersatzkasse (GEK) etwa erstattet DocMorris die Zuzahlung. Gleichzeitig bringt die Kooperation der fünftgrößten gesetzlichen Krankenkasse nach eigenen Angaben eine um 10 % gekürzte Arzneimittelrechnung. "So wie wir machen es auch andere Kassen, doch sie sprechen nicht laut darüber", sagt GEK-Sprecherin Kerstin Freller. Die Ersatzkasse, die sich zur Zeit ebenfalls gegen den DAV vor Gericht wehrt, will an ihrer Erstattungspolitik auf jeden Fall festhalten.

Apotheker und Pharmagroßhändler führen den Erfolg der Niederländer indessen ausschließlich auf Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht zurück. "Doc Morris kann anbieten, was kein Apotheker hierzulande anbieten darf: preisliche Zugeständnisse bei teuren Arzneimitteln", argumentiert Fritz Oesterle, der Chef des Stuttgarter Pharmagroßhändlers Gehe, mit Blick auf Regelungen in Sozialgesetzbuch und Arzneimittelpreisverordnung (APV). Sie schreiben einheitliche Abgabepreise vor und verpflichten deutsche Apotheken, Zuzahlungen der Patienten zu erheben.

Diese Gesetze stehen derzeit weder in Berlin noch in Luxemburg zur Debatte. Bringt der EuGH das Verbot des Versandhandels zu Fall, könnten etablierte Apotheker jedoch selbst im Versandgeschäft aktiv werden. "Auf einen Schlag würden Tausende von Versandapotheken entstehen", ist Oesterle überzeugt. "Denn keiner kann so schnell und sicher liefern wie die Präsenzapotheke vor Ort."

Quelle: Handelsblatt

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