Europäischer Gerichtshof erklärt Fusionsverbot für nichtig – Fusion mit Legrand möglich
Richter geben Schneider neue Chance

Jetzt will Schneider Electric in aller Eile prüfen, ob eine Fusion mit Wunschpartner Legrand nicht doch noch sinnvoll sein könnte.

PARIS. Am Firmensitz der Schneider Electric S.A. im Pariser Vorort Rueil-Malmaison knallten die Sektkorken: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am Dienstag der Klage des Unternehmens gegen die EU- Kommission stattgegeben und eine Fusion mit der Legrand Industries S.A. wieder ermöglicht. Kartellwächter Mario Monti hatte den Elektrokonzern daran hindern wollen. "Wir sind tief befriedigt", entfuhr es Schneider-Boss Henri Lachmann nach dem für EU-Wettbewerbskommissar vernichtenden Spruch. Allerdings stellen sich durch die unerwartet eindeutige Zurückweisung des Brüsseler Vetos in dem EuGH-Urteil für Schneider jetzt strategische Fragen, die außer Lachmann kaum jemand mehr bei Schneider ernsthaft verfolgt hat: So erscheint es wieder möglich, die Fusion mit dem Partner aus Limoges noch zu realisieren und einen weltweit führenden Elektrokonzern zu bilden (Handelsblatt 22.10.2002).

"Die Situation kommt ziemlich unerwartet", gab Schneiders Finanzchef Antoine Giscard d'Estaing vor Journalisten zu, ein entfernter Cousin des ehemaligen französischen Staatspräsidenten. Mit Blick auf das erste Verdikt der Kommission hatte Schneider den Konkurrenten, der de facto schon übernommen worden war, an Finanzinvestoren weiterveräußert. Dieser Verkauf soll aber erst Mitte Dezember rechtswirksam werden. "Wir werden uns zwei Optionen ansehen: Bei dem Verkauf von Legrand zu bleiben, wäre die schnellste Lösung. Aber wir könnten Legrand auch behalten - es kommt darauf an, was besser für die Aktionäre ist", sagte Giscard d?Estaing. Möglicherweise könne Schneider auch Schadensersatz fordern. Am Freitag will Schneiders Aufsichtsrat die Konsequenzen des Urteils untersuchen.

Bis dahin liegt womöglich schon die Entscheidung Montis vor, ob er gegen das Urteil in Berufung gehen will. Monti, der den EuGH-Spruch genau prüfen will, hat dafür grundsätzlich zwei Monate Zeit. Außerdem müsste Schneider nach gängiger Rechtsmeinung der EU-Kommission die Fusion mit Legrand erneut unterbreiten, wenn es das Projekt noch durchziehen will.

Viele Pariser Analysten glauben, Lachmann werde die langwierige und kostenträchtige EU-Prüfungsprozedur nicht noch ein zweites Mal auf sich nehmen. Daher werde er Legrand wie geplant für 3,7 Mrd. Euro an die Kapitalbeteiligungsgesellschaften Wendel Investissement S.A. und Kohlberg Kravis Roberts (KKR) verkaufen, zumal die EU diesen Verkauf gerade für zulässig erklärt habe.

"Wenn die EU nun doch nicht auf einem Verkauf besteht, könnte Schneider Legrand behalten und die für diesen Fall vereinbarten 180 Mill. Euro an Wendel und KKR zahlen", vertritt Analyst Raymond Greaves bei Merrill Lynch eine andere Meinung. "Auch wenn die Märkte anfangs negativ reagieren würden, glauben wir, dass dieses Szenario gut für Schneider ausgehen würde. Legrand ist für Schneider als Geschäft mehr wert als bei einem erzwungenen Verkauf."

Selbst Skeptiker räumen ein, dass die Fusion ökonomisch sinnvoll wäre. "Die Kombination der beiden Gruppen hat eine kommerzielle Logik, die zu höheren Erlösen, zu Synergien und zu besseren Margen führen würde", heißt es bei Morgan Stanley, obwohl die Bank vom Kauf der Schneider-Aktie im übrigen eher abrät ("untergewichten").

Doch legte der Kurs der Schneider-Aktie nach dem EuGH - Urteil beim Zwanzigfachen der üblichen Tagesumsätze gegen den Markttrend um mehr als 6% zu. Vor dem Urteil hatte sie am Morgen 3% nachgegeben, nachdem Schneider für das dritte Quartal einen Umsatzrückgang von 8,3% gegenüber dem Vorjahr gemeldet hatte.

Die Investoren fürchten offenbar weniger Komplikationen bei einer Wiederbelebung des Fusionsprojekts als Schneider selbst. Dabei können sie sich auf die eine Untersuchung der Kanzlei Darrois, Villey, Maillot & Brochier berufen. Die Juristen haben die Brüsseler Untersagungsverfügung gegen Schneider- Legrand seziert und sind sicher, dass die EU-Wettbewerbshüter für ihre Begründung der Ablehnung nicht ausreichend Beweise haben - ein wichtiges Präjudiz für eine Neuauflage des Verfahrens.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%