Europäischer Gerichtshof könnte Fusionsverbot kassieren
Noch lässt Schneider Legrand nicht los

Auf Europa ist Henri Lachmann schlecht zu sprechen. Besonders für den wohl prominentesten Vertreter der EU-Kommission, Kartellwächter Mario Monti, hat der Patron des französischen Konzerns Schneider Electric S.A., Rueil-Malmaison, kein gutes Wort übrig.

PARIS. Denn Monti hatte 2001 die Fusion von Schneider Electric mit dem Branchenkollegen Legrand Industries S.A., Limoges, kassiert. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Am Dienstag wird ein Spruch des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg entscheiden, wer von beiden das Gesicht verliert.

Wenn das Gericht Montis Untersagungsverfügung kassiert, könnte Lachmann die im Januar 2001 eingeleitete Fusion doch noch durchziehen. Dabei wäre sie gar nicht nötig. Dem Unternehmen, das für den Kauf von Legrand sein Kapital stark verwässerte, geht es nach Ansicht eines Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein auch ohne den Partner überraschend gut. Die Bilanz sei sauber, die Margen stark, der Cash-flow gut und größere Risiken seien nicht erkennbar - "Schneider Electric ist ein sicherer Wert."

Dass Lachmann die Fusion noch nicht ganz aufgegeben hat, zeigen die Modalitäten des von der EU 2001 verfügten Legrand-Wiederverkaufs. Den Zuschlag bekam die Holding Wendel Investissement S.A. des französischen Arbeitgeberpräsidenten Ernest-Antoine Seillière. Sie kooperiert mit dem US-Investor Kohlberg Kravis Roberts. Das Konsortium soll Legrand am 10. Dezember für 4,8 Mrd. Euro einschließlich Schuldenübernahme rechtswirksam übernehmen. Allerdings nur für den Fall, dass Lachmann in Luxemburg unterliegt. Sonst geht Legrand wieder an Schneider und das Konsortium wird mit 180 Mill. Euro entschädigt. Was dann entstünde, jagt der Konkurrenz einen kalten Schauer über den Rücken. Der neue Konzern würde mit rund 13 Mrd. Euro Umsatz in seinen Hauptgeschäftsfeldern weltweit eine führende Stellung erlangen.

Am Bauelektrik-Weltmarkt, der ein geschätztes Volumen von über 100 Mrd. Euro hat, hätte die Gruppe dann einen Anteil von 8 %. Bei Niederspannungsausrüstungen und Industrieautomatisierung - sie würden bei Schneider-Legrand den Hauptumsatz ausmachen - wäre die Gruppe weltweit Nummer Eins.

Bei industriellen Bauteilen und Anlagen für mittlere Spannungen käme das Paar immerhin auf Rang zwei. Mit insgesamt fast 13 % Weltmarktanteil hätten die von der EU blockierten Partner auch bei der Niederspannungselektrik die Nase vorn: Nach Angaben von Lehman Brothers hatte Siemens im Jahr 2000 nur rund 5,7 % Marktanteil, US Coopers Inc. -Wettbewerber kam auf 4,6 %, General Electric und ABB auf jeweils 4 % und weniger. Doch auch spezialisierten Mittelständlern, etwa der Bonner Moeller GmbH, kämen die Fusionspartner in die Quere. Und beim weltweit zersplitterten Handel mit Elektro-Bauteilen würde das Duo gemeinsam mit dem Konkurrenten Rexel S.A. global den Ton angeben.

Dabei hätte Schneider-Legrand der Konkurrenz etwas voraus: Während kaum jemand in dem Geschäft viel Geld verdient, peilte das Duo bei der Fusionsankündigung 15 % operative Marge an. "Einige in der Industrie verstehen das als Kriegserklärung", sagte seinerzeit ein Branchenkenner in Paris. Zwar ist der operative Gewinn bei Schneider im ersten Halbjahr 2002 bei sinkenden Umsätzen gegenüber dem Vorjahr um knapp ein Fünftel eingebrochen. Doch hat das Unternehmen mit rund 11 % Bruttomarge immer noch die Nase vorn. Auch die Aktie hat in diesem Jahr mit gut 25 % weit weniger an Wert verloren als der Pariser Index Cac 40.

Eine Wende in der Fusionsaffäre durch ein günstiges Urteil in Luxemburg dürfte den Schneider-Kurs in die Höhe jagen. Denn Lachmann hatte sofort Klage eingereicht, als die Kommission vor einem Jahr den aktienrechtlich schon vollzogenen Deal kippte. Bisher hat kaum jemand beim EuGH gegen Monti Erfolg gehabt. Doch im Fall Schneider spricht einiges dafür, dass es diesmal anders sein könnte: So gab es nach Hinweisen aus dem Pariser Wirtschaftsministerium in Brüssel Verfahrensfehler. Auch wird über die Einflussnahme der Wettbewerber spekuliert. Unter anderem war Siemens in Frankreich des Lobbying gegen die Fusion bezichtigt worden, was das Unternehmen allerdings dementierte. Bei den Anhörungen im Fusionsprüfungsverfahren sprach sich Siemens allerdings klar gegen die Fusion aus: Der neue Konzern erlange einen "extrem hohen Marktanteil in bestimmten Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien", der "durch nichts auszugleichen" sei. Damit begründete die Kommission ihre Untersagung.

Quelle: Handelsblatt

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