Europas Konzerne haben das schlechteste Börsenjahr seit 1974 hinter sich
Deutsche Werte stürzten am stärksten ab

Die Zeiten, in denen Aktionäre auf die Kursentwicklung ihrer Papiere mit Champagner anstoßen konnten, sind lange vorbei. 2002 wurde bei den 500 größten Unternehmen Europas so viel Wert vernichtet, dass den Anlegern nur noch nach Selters zumute sein dürfte. Um insgesamt 29 % ist der Börsenwert der - nach Umsatz - führenden 500 Unternehmen Europas geschrumpft. Die Top-Konzerne des Kontinents sind damit an den Aktienmärkten nur noch 4,5 Billionen statt 6,3 Billionen ? wert.

HB PARIS. "Die meisten Investoren haben solche Zeiten noch nicht erlebt", sagt der für Europa zuständige Stratege der Investmentbank Citicorp Smith Barney in London, Robert Buckland. Der DJ Stoxx-600 Index, welcher die 600 führenden europäischen Konzerne präsentiert, ist um 33 % eingebrochen, nachdem er 2001 schon 17 % verloren hatte. Technologieaktien waren dabei mit Werteinbußen von 57 % die größten Verlierer, gefolgt von Versicherungstiteln mit einem Minus von 51 %.

Die Aktien des niederländischen Elektronik-Konzerns Philips etwa fielen um 53 %, der schwedisch- schweizerische Elektroriese ABB büßte 74 % ein. Die Allianz-Aktie sackte um 71 % ab, die der Münchener Rück um 67 %. Damit wurden Börsenschwergewichte in einem Maße getroffen, wie es der Anleger sonst nur von dubiosen Nebenwerten kannte.

Für deutsche Unternehmen sieht die Bilanz besonders schlecht aus: Mit Kursrückgängen um durchschnittlich 44 % führten sie nach einer Studie von Morgan Stanley Capital International die Liste der Verlierer an, gefolgt von Schweden mit einem Minus von 43 %. Frankreich, Belgien, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Portugal und Spanien bewegten sich mit Kursverlusten zwischen 28 % und 34 % im Mittelfeld. Die Aktien aus der Schweiz und Großbritannien verloren jeweils 26 %, Italien schnitt mit Kurseinbrüchen von 24 % schon überdurchschnittlich gut ab. Am besten entwickelten sich die Aktienkurse in Österreich: Hier sanken sie im Schnitt nur um drei Prozent.

"Ein Jahr an das man sich erinnern wird"

Europa erlebte damit das dritte Bärenjahr in Folge, ein Fortsetzung des vom Platzen der Technologie- Blase im Jahr 2000 ausgelösten Börseneinbruchs. Der schwache Aktienmarkt war das "Produkt aus einem anämischen Wirtschaftswachstum, echten und befürchteten Terroristenaktionen, Firmenskandalen, Ermittlungen bei Investmentbanken, Gewinnwarnungen, Dividendenkürzungen, Groß-Pleiten, dem drohenden Konflikt im Nahen Osten, Asbest-Sammelklagen, einer höheren Schwankungsbreite der Kurse und Deflationsängsten", sagte Aktienstratege Buckland. Es sei ein Jahr, an das man sich erinnern werde, leider aus höchst unerwünschten Gründen.

Die Wall Street schnitt im Vergleich zu den Europäern noch einigermaßen gut ab. Der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industriewerte verlor 16,8 % und damit nur etwa halb so viel wie der europäische Index - obwohl sich die meisten spektakulären Unternehmensskandale wie Enron, Worldcom, Tyco und Xerox in den USA abspielten. Lediglich der französische Mischkonzern Vivendi tat sich mit Bilanzierungstricks in ähnlichen Dimensionen hervor.

Die schwache Weltkonjunktur machte Europa zu schaffen, hinzu kam der unerwartet starke Anstieg des Euro. Die europäische Währung legte 2002 gegenüber dem Dollar um 31 % zu. Das erschwert den europäischen Exportunternehmen den internationalen Wettbewerb enorm. Diese Probleme setzen sich im laufenden Jahr fort. Darum erwarten Ökonomen auch für 2003 nur ein Wirtschaftswachstum von 1,3 % in Europa nach 1,4 % im vergangenen Jahr. Die Länder der Eurozone können gar nur mit einem Wachstum von 0,9 % rechnen.

Großteil der Probleme ist hausgemacht

Ein Großteil der Probleme Europas sei hausgemacht, sagen Ökonomen. Sie kritisieren starre Arbeitsmärkte, allzu großzügige Arbeitslosenunterstützungen, aufgeblasene Staatsapparate, hohe Steuern, nicht auf andere Firmen übertragbare betriebliche Altersvorsorge-Systeme und andere strukturelle Schwächen. All das treffe auf Deutschland, die größte Wirtschaftsmacht Europas, in besonderem Maße zu. Die Lage im Lande ist in jüngster Zeit immer wieder mit Japan verglichen worden - unter Ökonomen und Bankern gilt das als die denkbar größte Beleidigung.

Die Währungsunion mit ihren strikten Anforderungen an die Mitgliedstaaten erweist sich noch zusätzlich als Zwangsjacke. Die vorgeschriebenen Verschuldungsgrenzen des Stabilitäts- und Wachstumspakts passen nicht ins Umfeld hoher Arbeitslosigkeit, schwachen Wirtschaftswachstums und drohender Inflation, weil sie eine antizyklische Wirtschaftspolitik verhindern. Deutschland hat die zulässige Verschuldungsgrenze bereits überschritten, Frankreich und Italien droht das gleiche Schicksal.

Anleger haben Konsequenzen gezogen

Europas Anleger haben längst die Konsequenzen gezogen. Mit Blick auf die Abflüsse aus den Investmentfonds sagt Robert Buckland: "Die über 40 Jahre gewachsene Aktienkultur hat 2002 einen brutalen Rückschlag erlitten". Er glaubt, dass es Jahre dauern wird, bis das vor allem bei Privatanlegern noch schwach entwickelte Interesse an Aktien wieder erstarkt ist und die Narben verheilt sind.

Mag sein. Doch im Hinblick auf magere 4 % Zinsen bei Staatsanleihen könnten Begehrlichkeiten eines Tages wieder stärker sein als die menschliche Angst.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%