Europas Segel-Reviere hoffen auf Zuschlag
Auf zu neuen Ufern

Nach dem Sieg der schweizerischen Yacht "Alinghi" wird der America?s Cup zum ersten Mal in Europa ausgetragen, wahrscheinlich erst 2007. Doch das Gerangel um die Vergabe ist bereits im vollen Gange. Denn klar ist: Auf einem Bergsee in den Alpen wird nicht gesegelt.

AUCKLAND/ GENF/ MADRID/ PARIS. An politischer Unterstützung fehlt es nicht. Nur Stunden nach dem historischen Sieg der "Alinghi" vor Neuseeland meldete Sportminister Jean-François Lamour den Anspruch seines Landes an: "Selbstverständlich ist Frankreich bereit, den nächsten America?s Cup auszutragen."

Doch ist Frankreich nicht der einzige Kandidat - die Bewerbungen stapeln sich bei den Schweizern. Auch Spanien, Portugal, Italien und England wollen das Hochsee-Rennen auszurichten. Ein Zuschlag würde dem Austragungsort einen Boom bescheren: Nach einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young brachte der America's Cup Auckland alleine im Jahr 2000 rund 500 Millionen Euro und Neuseeland weitere 125 Millionen Euro ein. Die Bewerber erhoffen sich Prestige und Touristen - aber auch einen Modernisierungsschub für Stadt, Hafen, Hotels und Straßen.

Der Sieger hat das Recht, den Ort zu bestimmen. Ein schweizerischer See kommt jedoch nicht in Frage. Auf jeden Fall "bevorzugen wir eine Region mit konstanten Wetterbedingungen, um jeden Tag zur gleichen Zeit Rennen ansetzen zu können", sagt "Alinghi"-Skipper Russel Coutts. In den fünf Monaten von Auckland fielen knapp 30 Renntage aus, das Fernsehen schrieb Verluste in Millionenhöhe. Zudem wünscht sich Coutts einen Hafen, von dem das Publikum das Rennen beobachten kann, ohne dass es meilenweit auf das Meer hinausfahren müsse. "Der Austragungsort sollte sich in der Nähe einer großen Metropole befinden" sagt der deutsche Sportdirektor von "Alinghi", Jochen Schümann. Cascais an der portugiesischen Atlantikküste, Palma de Mallorca, Marseille und das südenglische Cowes gelten bis dato als Favoriten unter den Bewerbern.

Wer der glückliche Ausrichter ist, das will "Alinghi" erst Ende des Jahres bekannt geben. Vorher wird eine Vorauswahl aus drei bis vier Städten erfolgen. Nur das Jahr für den 32. Cup scheint bereits sicher: 2007, damit man nicht mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland ins Gehege kommt.

Dass gute Worte von Ministern nicht ausreichen, um die Schweizer vom Standort Frankreich zu überzeugen, wissen die Franzosen. Noch während der Regatten in Auckland schickte Marseille seinen Sportbeauftragten France Gamerre gleich zweimal nach Neuseeland, um bei "Alinghi"-Chef Ernesto Bertarelli persönlich für die Vorzüge Marseilles zu werben: den großen Hafen und die Schnellzugverbindung nach Genf, dem Heimathafen des Siegerboots.

Sète, das kleine Hafenstädtchen im Languedoc-Roussilon, setzt ebenfalls auf seine enge Verbindung zum Sieger-Team. Denn das trainierte schon im Sommer 2001 in Sète für ihren Coup. Bürgermeister François Commeinhes hofft, dass sich Bertarelli an Sète erinnert: "Bei uns fühlen sich die Schweizer wie zu Hause". Als Ausrichter könnte man endlich die seit Jahren notwendige Überholung der Infrastruktur bezahlen. Lucien Boyer, Generaldirektor der Agentur Havas Sports, hält beide Bewerbungen für aussichtsreich, "wenn auch Marseille etwas mehr Potenzial hat". Gegen Sète spricht die geringe Zahl von Hotelzimmern der Oberklasse.

Im Nachbarland Spanien kämpfen derzeit drei Städte um den Cup: Palma de Mallorca, Cadiz und La Coruña. Pedro Campos - Besitzer der drei Boote, die Spanien 1992, 1995 und 2000 ins Rennen geschickt hat - rechnet sich große Chancen aus: "Ich habe mit Bertarelli gesprochen, er liebt Spanien." Er warnte aber in der Tageszeitung "El Mundo" vor Alleingängen: "Wir müssen als eine Einheit gegen Italien und Frankreich auftreten, dann erreichen wir mehr." Der Galizier rechnet damit, dass der Schweizer seine Entscheidung weniger nach Geld-Gesichtspunkten, sondern vor allem nach der Infrastruktur, der Qualität der Hotels und der Wind-Lage treffen wird.

Insider rechnen jedoch damit, sollte Spanien den Zuschlag bekommen, dass Palma de Mallorca das Rennen machen wird. Denn der Hafen kann mit der Unterstützung von König Juan Carlos rechnen, der nach Zeitungsberichten in engem Kontakt mit Bertarelli steht. Die balearische Regierung hofft zudem, mit der Ausrichtung der Regatta Madrid bei seiner Bewerbung um die Olympischen Spiele 2012 zu helfen. Joana María Petrus, Sportreferentin der Regierung, sagt: "Wir können damit zeigen, dass wir fähig sind, solche Riesenereignisse erfolgreich über die Bühne zu bringen." Das Seglermagazin glaubt jedoch, dass ebenfalls das andalusische Cadiz, das die Segel-WM im September ausrichtet, große Chancen hat. Zudem ist da noch Portugal, das das Wohlwollen der Eidgenossen genießt, weil es kein Team stellt. Für die Hafenstadt Cascais bei Lissabon hat Skipper Patrick Monteiro de Barros, derzeit Präsident des Segelclubs vor Ort, die Kandidatur angemeldet. Die Regierung unterstützt sein Projekt.

Doch bevor die Schweizer sich entscheiden, gibt sich das Bergland dem "Alinghi"-Rausch hin: Die Post gab flugs eine Sondermarke mit dem schnittigen Boot heraus, Poster mit den neuen Helden der Nation schmücken Kneipen und Kaufhäuser und Neugierige rennen den Segelclubs die Türen ein.

Präsident Pascal Couchepin sagte im Nationalrat: "Es gab ein Frankreich Zidanes, nun gibt es eine Schweiz von Alinghi." Die Sache hat nur einen Haken: Fußball-Star Zidane brauchte Frankreich. Aber die "Alinghi" braucht die Schweiz nicht.

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