Europas Telekom-Chefs fürchten um ihre Jobs
Die Abrechnung, bitte!

In diesen Tagen wackeln gleich eine ganze Reihe prominenter Telekom-Vorstände: Ron Sommer, France-Telekom-Chef Michel Bon, Ericsson-CEO Kurt Hellström und Cable & Wireless-Lenker Graham Wallace.

DÜSSELDORF. Nie hatte Jean-Marie Messier mehr Unrecht: "Wenn sie dir nur zuschauen, werden sie sich an dich gewöhnen." Diesen Satz des Dichters René Char wählte er als Einstieg für seine Biographie. Doch gewöhnt haben sich die Investoren nicht: Der Vivendi-Universal-Chef musste letzte Woche gehen.

Seitdem fragt sich so mancher Vorstandschef in der Telekom-Branche, ob seinen Anteilseignern die Gewöhnung nicht auch zu lange dauert. Denn wenn selbst Messier gehen musste - dann ist niemand mehr sicher.

Der Druck der Öffentlichkeit, gepaart mit der zur Schau gestellten Wut enttäuschter Aktienbesitzer, wird schon bald weitere Opfer fordern, sind sich die Branchenbeobachter sicher. Waren es im vergangenen Jahr die Chefs von British Telecom und der finnischen Sonera, so wackeln in diesen Tagen gleich eine ganze Reihe prominenter Telekom-Vorstände: Ron Sommer, France-Telekom-Chef Michel Bon, Ericsson-CEO Kurt Hellström und Cable & Wireless-Lenker Graham Wallace.

Begraben unter einer Schuldenlawine

Als die Aktienblase sich unbeirrt vergrößerte, genossen sie den Ruhm, den Aktienkurs ihrer Unternehmen in Schwindel erregende Höhen getrieben zu haben. Mit immer neuen Zukäufen und der Investition in UMTS-Lizenzen sorgten sie für immer neue Fantasien - doch die sind jetzt begraben unter einer Schuldenlawine.

"Die Rechnung liegt auf dem Tisch, das Land der Fantasie ist tot, die Wirklichkeit hat begonnen", sagt Rolf Drees, Finanzanalyst bei Union Investment: "Die Manager der zukaufsfreudigsten Unternehmen haben jetzt die größten Probleme."

Michel Bon unter Beschuss

Unter Beschuss steht zum Beispiel France Telecom?s Michel Bon. Seine Einkaufseuphorie hat dem Unternehmen Schulden von 61 Milliarden Euro eingetragen - fast fünf Mal so viel wie der aktuelle Börsenwert. Ratingagenturen führen Anleihen des Ex-Monopolisten annähernd wie Junk Bonds, sie zweifeln, ob Bon sein Versprechen erfüllen kann, in der näheren Zukunft die Schulden herunterzufahren. Das gesamte Top-Management wird dagegen kritisiert für die Art, große Zukäufe zu tätigen. Das Hin und Her mit der Beteiligung bei Mobilcom wird als Inkompetenz ausgelegt.

Bons Schicksal liegt in den Händen der französischen Regierung: Sie hält 55,5 Prozent der Anteile. Bon selbst behauptete in der vergangenen Woche, er sehe die Anteilseigner noch immer hinter sich. Die Möglichkeit, dass er geschasst wird, wollte er aber nicht völlig ausschließen.

Ron Sommers Stuhl wackelt

Ähnlich sieht es aus bei Telekom-Chef Ron Sommer. 67 Milliarden Euro Schulden, die einstige Volksaktie unter 10 Euro gestürzt, der T-Mobile-Börsengang immer wieder verschoben, der Verkauf des TV-Kabels an Liberty Media geplatzt - die Hauptversammlung vor einigen Wochen geriet zur "Hau den Sommer"-Show.

Zu den schärfsten Kritikern gehört Analyst Drees mit seiner Union Investment. 1,3 Prozent der Telekom-Anteile hält die Investment-Gesellschaft und bat Sommer deshalb um ein Gespräch zum Thema Schulden und Wachstum. Drees war hinterher wenig fröhlich: "In anderthalb Stunden hat er nicht einmal das Wort Profitabilität erwähnt. Wir sind beunruhigt über die Entwicklung des Telekom-Kurses und die Haltung des Managements. Es kann ohne Konsequenzen nicht für immer so weiter gehen." Wird es vielleicht auch nicht: Spätestens nach den Wahlen im September könnte Sommers Kopf rollen - der Bund hält noch immer 43 Prozent der Anteile. Vielleicht wird Sommer aber auch zum Opfer des Wahlkampfes: Schasst die SPD-Regierungen den ungeliebten Österreicher, könnte das Stimmen bringen.

Kurt Hellström angeschlagen

Auch Ericsson-Chef Kurt Hellström wurde in den vergangenen Monaten verprügelt für seine Art, mit Investoren zu kommunizieren. Nach einem Einbruch der Handy-Bestellungen verkündete er schon im Februar: "Wir dürften das Schlimmste hinter uns haben." Anschließend gab der Markt weiter nach, im April gaben die Schweden eine weitere Gewinnwarnung heraus - wenig karriereförderlich für Hellström. Auch über die Verwendung einer anstehenden Kapitalerhöhung im Wert von rund 3 Milliarden Euro sei das Management des Konzerns zu vage, kritisiert die Investorengemeinde.

Hellström habe in Cannes darauf hingewiesen, dass seine Bemerkungen sich nicht auf Finanzdaten bezögen, kommentiert ein Ericsson-Sprecher müde die Fehleinschätzung seines CEO. Zur Kapitalerhöhung könne nicht mehr gesagt werden, ohne den Businessplan zu gefährden, heißt es weiter.

Nummer vier in der Reihe der Gefährdeten ist schließlich Graham Wallace von Cable & Wireless. Ihm werfen Analysten vor, zu euphorisch in Internet-Geschäfte investiert zu haben. Selbst Anfang des Jahres noch übernahmen die Briten Exodus, ein insolventes Unternehmen, das externen Speicherplatz für große Datenmengen zur Verfügung stellt. Kosten: 750 Millionen Dollar.

Doch egal, ob es Wallace erwischt, Sommer, Bon oder Hellström: Das Beispiel Jean-Marie Messier hat auch gezeigt, wie man sich gegen das Aus absichert. Messier, der im vergangenen Jahr noch kräftig gegen hohe Abfindungen für Manager wetterte, hat ein Abschiedspaket von 18 Millionen Euro ausgehandelt - drei Mal so viel, wie er im vergangenen Jahr inklusive Bonus verdiente.

Vielleicht kauft er sich damit ja die Wohnung in New York, die Vivendi erwarb, damit Messier dort während seiner US-Aufenthalte residieren kann. Das schmucke Appartement kostete 17,7 Millionen Euro.

Mitarbeit: John Carreyrou, Kevin J. Delaney, Matthew Karnitschnig, Martin Peers und David Pringle, alle Wall Street Journal.

Quelle: Wall Street Journal / Handelsblatt

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