Europas Versorgerbranche steckt im Umbruch
Aktien der Energiekonzerne sind längst keine Langweiliger mehr

Die Frage, welche Farbe eigentlich Strom hat, bewegte die Gemüter nur kurz. Trotz enormer Aufwendungen - die deutsche Stromwirtschaft verdreifachte ihre Werbe-Etats im vergangenen Jahr - interessierte sich kaum jemand für die bunten Strom-Kampagnen. Nach der Etablierung des Wettbewerbs halten Experten jetzt neue Preiskämpfe für unwahrscheinlich; das Schlimmste hätten die Anbieter überstanden.

DÜSSELDORF. Zudem setzten die Branchenführer Eon und RWE mit der angekündigten Schließung von Kraftwerken ein Signal: Sie fahren ihre überschüssigen Kapazitäten lieber zurück - statt sie durch teure Kundenwerbung um jeden Preis auszulasten. Der Kapazitätsabbau eröffnet zudem neue Sparchancen. Und einen Teil der Kraftwerke, die RWE endgültig abschaltet, hatte der Konzern ohnehin seit längerem eingemottet, so etwa das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich.



Analysten bewerten die Kursaussichten vorsichtig optimistisch

Lüder Schumacher, Spezialist für Versorger-Aktien bei der Deutschen Bank in London, beurteilt die Liberalisierung als positiv für Aktionäre. "Nichts bewegt ein Management so wie echter Druck", sagt Schumacher. Der Markt begünstige Unternehmen, die schnell und angemessen agierten und bestrafe Versäumnisse sofort. Zunächst reagierten die Börsen wenig erfreut auf die Liberalisierung. 1999 war für Europas Versorger-Aktien das schlechteste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Gute an der miesen Kursentwicklung: Nach Einschätzung von Analysten sind die Belastungen durch die Marktöffnung nun in den Kursen weitgehend enthalten. Im laufenden Jahr halten die Versorger-Titel bislang gut mit dem Gesamtmarkt mit, wie eine Auswertung der Bayerischen Landesbank (BayernLB) zeigt. Seit dem Sommer hat der Branchenindex CDax-Versorger den Deutschen Aktienindex (Dax) sogar deutlich überflügelt.

In Europa zählen die beiden börsennotierten Versorgungs-Riesen Frankreichs, Suez Lyonnaise des Eaux und Vivendi, zu den Vorreitern der internationalen Expansion. Auf dem französischen Markt dominiert nach wie vor der Staatskonzern Énergie de France (EdF) die Stromversorgung. Führend sind die privaten Konkurrenten Suez und Vivendi dagegen bei Dienstleistungen wie Wasser, Abfall und Transport. Zudem verfügt Suez über ein starkes Stromgeschäft in Belgien.

In Italien stellt sich der noch mehrheitlich dem Staat gehörende Ex-Monopolist Enel langsam , aber sicher auf die Regeln des Wettbewerbs ein. In dem südeuropäischen Land könnten sich Einstiegschancen für ausländische Versorger bieten. Denn die Nummer zwei unter Europas Versorgern muss einen Teil ihrer Erzeugungskapazitäten verkaufen, um fairen Wettbewerb zu ermöglichen.

Die BayernLB beurteilt die Kurs-Chancen von Enel unterdessen wenig rosig: "Untergewichten" (unterdurchschnittliche Entwicklung) lautet das Urteil. Der beginnende Wettbewerb in Italien und die bislang eher zaghafte Auslandsexpansion bedeuten nach Einschätzung der Banker hohe Belastungen für Enel.

Auch in Spanien, einem der wachstumsstärksten Strommärkte Europas, schreitet der Wandel voran: Dort wollen sich die Marktführer Endesa und Iberdrola zusammen schließen.



Deutsche Versorger auf Einkaufstour in Europa

Nach der vergleichsweise schnellen und radikalen Öffnung des deutschen Strommarktes treiben die deutschen Schwergewichte Eon und RWE ihre Neuausrichtung derzeit besonders eifrig voran und gehen auf Partnersuche in Europa. Die Essener RWE hat sich jüngst mit dem britischen Wasserversorger Thames Water auf eine Übernahme geeinigt. Der Düsseldorfer Lokalrivale Eon blitzte dagegen zwar beim französischen Wunschpartner Suez ab. Aber in vielen anderen Ländern verfolgt Eon-Chef Ulrich Hartmann seine ehrgeizigen Pläne weiter: In Italien kooperiert Eon mit dem Staatskonzern Finmeccanica. Auch nach Österreich, Osteuropa und sogar in die USA soll der aus Veba und Viag entstandene Eon-Konzern seine Fühler ausgestreckt haben. Die Wertpapierexperten der Hessischen Landesbank bewerten RWE-Aktien mit "Übergewichten". Die Deutsche Bank beurteilt RWE weniger euphorisch mit "Market Perform", während Eon eine klare Kaufempfehlung erhält. "Akkumulieren" lautet das Urteil der Commerzbank zu Eon. Insgesamt bewertet die Deutsche Bank europäische Versorger-Aktien insgesamt mit dem mäßig optimistischen Urteil "Outperform"(überdurchschnittliche Kursentwicklung). Viel Dynamik, stabile Nachfrage, ein bislang erträglicher Preisdruck und zusätzliche Kursphantasie durch die Trennung von Randsparten - diese Mischung gefällt dem Institut.

Analyst Stefan Greifeneder von der BayernLB äußert sich vorsichtiger: Sein Sektor-Rating lautet vorsichtiger "marktneutral". Denn trotz aller positiven Faktoren bleibe das interne Wachstum der Branche eher gering. Einzelne Werte wie Eon, Suez und Vivendi beurteilt Greifeneder aber mit dem besseren Urteil "Übergewichten".

Wer als privater Anleger in die Versorgerbranche investieren will, kommt ohnehin um eine Aktienauswahl nicht herum. Denn nicht alle Konzerne werden zu den Gewinnern des Branchenwandels zählen. Und ihren Charakter als mündelsichere Anlage für Witwen und Waisen haben die Versorger-Aktien endgültig verloren. Denn mit neuen Wachstumschancen der Liberalisierung sind - wie immer - auch neue Risiken verbunden.

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