Europas Versorgungsunternehmen konzentrieren sich auf das Gasgeschäft
Analyse: Energiebranche stellt die Weichen für die nächsten Jahrzehnte

Auf liberalisierten Energiemärkten entstehen durch Konzentrationsprozesse dann keine Machtprobleme, wenn nationale Zugangsbarrieren beseitigt werden. Je weniger Integrationshemmnisse auf dem europäischen Binnenmarkt Energie existieren, umso mehr ist ein funktionsfähiger Wettbewerb auch unter großen Akteuren möglich. Im Strom- und Gasgeschäft werden heute leistungsfähige Marktstrukturen für die nächsten Jahrzehnte geschmiedet.

Deutschland muss aufpassen, dass sowohl potente nationale Player im internationalen Wettbewerb bestehen können, als auch genügend Newcomer aus dem Ausland auf dem deutschen Markt präsent sein wollen. Bei dem schon lange global betriebenen Ölgeschäft ist es lediglich gelungen, dass sich potente Anbieter aus dem Ausland hier zu Lande engagieren. Dagegen haben deutsche Ölfirmen am Ende aufgeben müssen.

Die von dem Düsseldorfer Energiekonzern Eon geplante Mehrheitsübernahme bei der Essener Ruhrgas AG ist ein notwendiger Schritt, um auf den liberalisierten Strom- und Gasmärkten Europas bestehen zu können. Auch Deutschlands größter Stromkonzern RWE baut das Engagement im Gasgeschäft aus und plant weitere Akquisitionen - möglicherweise den Erwerb der BASF-Gastochter Wintershall. Die beiden deutschen Spitzenreiter sind in ihrer Ausrichtung konsequent: Während der Stromverbrauch stagniert, stellt Erdgas die Wachstumsenergie Nummer eins schlechthin dar.

Der Wettkampf mit staatlichen Monopolisten im Ausland ist hart

Auch die großen europäischen Stromkonkurrenten wie Frankreichs Eléctricité de France (EdF) und Schwedens Vattenfall wollen ihre Gassparte ausbauen. Mit dem gemeinsamen Auftritt von Strom und Gas im Endkundengeschäft können erhebliche Synergieeffekte genutzt werden. Gleichzeitig bekommt die Gasbranche Zugang zu Milliardenbeträgen. Nur so lassen sich die notwendigen Investitionen in den nächsten Jahren finanzieren.

Gerade die privaten Energieunternehmen Deutschlands stehen in hartem Wettkampf mit staatlichen Monopolisten im Ausland. Dies gilt für die Erdgasproduzenten Russlands und Norwegens, aber auch für die beiden französischen Staatsgesellschaften EdF und Gaz de France, die beide noch auf weitgehend geschützten Heimatmärkten operieren können.

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass die EU-Kommission bei der vollständigen Öffnung aller Strom- und Gasmärkte in der Gemeinschaft bald erfolgreich ist. Brüssels Ziel, die völlige Liberalisierung bis zum Jahr 2005 zu verwirklichen, ist keineswegs zu ehrgeizig, sondern unerlässlich, wenn die Spielräume für Wettbewerbsprozesse für die europäischen Unternehmen wie für Newcomer aus Drittländern ohne Verzerrungen eröffnet werden sollen.

Eon und Ruhrgas müssen Entgegenkommen signalisieren

Die Bundesregierung ist wiederum gut beraten, für den Fall einer Ministererlaubnis der Ruhrgas-Mehrheitsübernahme durch Eon harte Auflagen zu machen. Die Argumentation des Bundeskartellamts, dass die Wettbewerbsprozesse bisher noch nicht bundesweit durchschlagen, ist ernst zu nehmen. Es bedarf daher einer ordnungspolitischen Korrektur. Der diskriminierungsfreie Zugang zu den Gasnetzen muss in Zukunft für Dritte möglichst transparent geregelt werden. Die Selbstverpflichtungen der Gasverbände bedürfen einer Nachbesserung; Eon und Ruhrgas müssen sich darum bemühen. Gleichzeitig ist zu prüfen, inwieweit Beteiligungen aufzugeben sind, damit auf regionaler Ebene mehrere Konkurrenten antreten können. Die Gasverbraucher müssen zwischen verschiedenen Lieferanten auswählen können, damit die Preise unter Druck bleiben. Außerdem muss überprüft werden, inwieweit Stromanbieter ohne angegliedertes Gasgeschäft über eine wettbewerbsfähige Primärenergieversorgung verfügen können.

Die Monopolkommission wird in ihrem Gutachten Auflagen einfordern. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller wäre gut beraten, bei seiner Entscheidung Nachbesserungswünsche der Monopolkommission zu berücksichtigen. Der Bundeswirtschaftsminister liegt aber richtig, wenn er die europäischen Marktverhältnisse in fünf Jahren zu Grunde legt. Konsequent ist auch, wenn Müller herausstellt, dass deutsche Energiekonzerne zu globalen Strom- und Gasplayern werden müssen. Hierzu muss auch in Deutschland noch Wachstum über Akquisition möglich sein. Nur so lassen sich Größennachteile beseitigen. Für den Fall der Ruhrgas-Übernahme durch Eon kommt hinzu, dass bislang an Ruhrgas gebundene Aktionäre wie kurzfristig BP und längerfristig Shell und Esso als unabhängige Gasanbieter frei werden. Die drei großen Ölgesellschaften könnten dann auf Sicht zusammen mit den europäischen Stromkonzernen den Wettbewerb grenzüberschreitend intensivieren. Dann stünde am Ende nicht weniger, sondern mehr Wettbewerb - auch nach der Ministererlaubnis.

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