Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel zur Innovationspolitik.
Henkel: „Wir schneiden nicht gut ab“

Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel zur Innovationspolitik.
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Herr Henkel, die Zahl der Patente steigt, das Budget der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung steigt. Ist also alles in Ordnung mit der Innovationspolitik in Deutschland?

Die Zahlen stimmen. Aber zu Selbstzufriedenheit gibt es keinen Anlass. Denn über die Innovationsfähigkeit sagen diese Zahlen nicht die ganze Wahrheit. Es wird immer noch verdrängt, dass sich Deutschland in einem weltweiten Wettbewerb befindet - und da schneiden wir nicht gut genug ab, um in Zukunft an der Spitze dabei zu sein.

Woran machen Sie das fest?

Unsere Arbeitslosigkeit und öffentliche Verschuldung ist dramatisch hoch, beim Wirtschaftswachstum liegen wir in Europa an letzter Stelle. Die hohen Steuersätze lassen vor allem kleinen und mittleren Unternehmen keine Luft für Forschung. Dies sagt auch etwas über die Innovationsfähigkeit dieses Landes.

Immerhin wurde nie zuvor mehr Geld für Innovationen ausgegeben.

Schön - nur, was sagt das? Fakt ist, dass wir in wichtigen Bereichen sogar zurückgefallen sind. Noch vor wenigen Jahren waren wir bei den Forschungsaufwendungen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt international an dritter Stelle, heute sind wir auf Platz sieben. Wichtige Konkurrenten wie Schweden, Finnland und die Schweiz liegen vor uns. Was die schöne Steigerungsrate bei den Patenten angeht: Wir geben immer noch mehr für Patente, Copyright und Lizenzen aus, als wir einnehmen. Gerade in künftig gewinnträchtigen Bereichen wie Informationstechnik, grüner Gentechnik und - trotz SAP - Softwareprodukten sind wir nicht gut genug. Wäre Deutschland ein Unternehmen, würde man sagen: Wir verdienen unser Geld mit wenigen ausgereiften, sehr guten Produkten. Das ist aber nicht zukunftstragfähig.

Sehen sie das nicht zu einseitig? Die deutschen Forschungsaufwendungen für die Biotechnologie sind weltweit die zweithöchsten gleich nach den USA.

Richtig, das Ergebnis einer beispiellosen Aufholjagd. Die kam spät genug - nachdem die Politik ihre Vorurteile und Vorbehalte gegenüber der Gentechnik endlich abgeschüttelt hat. Technikfeindlich waren und sind übrigens nicht die Deutschen generell, sondern Teile der deutschen Saloneliten. Bis heute leiden wir immer noch darunter.

Was kritisieren Sie konkret?

Innovationsfähig ist einLand dann, wenn es Spitzenleistungen erbringen kann - das gilt für die Wirtschaft wie für die Wissenschaft. Dazu ist es meines Erachtens legitim, Spitzenleistungen zu fördern, selbst wenn es zu Lasten des Durchschnitts gehen sollte, wofür ich nicht bin. Davon sind wir aber mit dem ideologischen Anspruch nur der Breitenförderung unter möglichst kompletter Ausblendung des Wettbewerbs weit entfernt.

Dennoch: Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sind so hoch wie nie zuvor. Dann kann doch nicht alles nur schlecht sein.

Sie werden aber zu zwei Dritteln von der Wirtschaft erbracht. An den Universitäten, wo der größte Teil der staatlich finanzierten Forschung geleistet wird, ist diese schwer unter die Räder gekommen. An den Unis wird zu wenig investiert, und die Überlastung bei der Lehre geht oft zu Lasten der Forschung.

Was sollte getan werden?

Bei uns wird einerseits die Schwerpunktsetzung übertrieben, andererseits werden immer neue negative Schwerpunkte gesetzt. So besteht die Gefahr, wichtige Bereiche zu vernachlässigen, wie derzeit bei der Kernforschung: Da wird wegen rot-grüner Ideologie ein Know-how verspielt, das in Zukunft wieder weltweit gefragt sein wird. Trotz steigender Bevölkerungszahl und Unterernährung wird die grüne Gentechnik immer noch verteufelt, so wie ich es damals als Chef der IBM-Deutschland beim Computer erleben musste.

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