Ex-König zieht Kandidatur zurück
Loja Dschirga wählt Karsai zum Präsidenten Afghanistans

Der bisherige Chef der afghanischen Übergangsregierung, Hamid Karsai, ist am Dienstag nach eigenen Angaben von der Loja Dschirga zum Präsidenten des Landes gewählt worden. "Die Versammlung hat mich gewählt", sagte Karsai.

Reuters KABUL. Rund 1 550 Vertreter der afghanischen Völkerschaften waren in der Hauptstadt Kabul zur Großen Versammlung, der Loja Dschirga, zusammengekommen, um in den nächsten Tagen eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Der Vorsitzende der Loja-Dschirga-Kommission, Mohammad Ismael Kasemjar, eröffnete die Sitzung in einem Festzelt in Kabul mit den Worten: "Das Treffen der Loja Dschirga ist der Maßstab der nationalen Einheit, des Friedens und der Versöhnung." Die Delegierten sollen die Zusammensetzung einer neue Übergangsregierung bestimmen, bis in zwei Jahren ein frei gewähltes Parlament die Geschicke des Landes lenken kann.

Wie die Wahl Karsais erfolgte, blieb zunächst unklar, denn es gab am ersten Tag der Loja Dschirga weder eine Debatte noch Konsultationen oder eine Abstimmung. Seine Wahl galt jedoch schon vorher als sicher, da er von allen wichtigen Stammesvertretern und auch vom früheren König Mohammed Sahir Schah unterstützt wird. Sahir Schah sagte auf der Versammlung, er wolle die Monarchie nicht wieder einführen. "Ich bin bereit, dem Volk zu helfen, und Karsai ist meine Wahl", sagte er und beschwor zugleich die Einheit des Landes und die Demokratie auf der Grundlage der Werte des Islam. Der 87-jährige Ex-König war im April nach 29 Jahren Exil in sein von Kriegen zerrüttetes Land zurückgekehrt.

Loja Dschirga hatte verspätet begonnen

Einige Anhänger des Königs äußerten sich allerdings verärgert, dass er seinen Anspruch auf die Führung des Landes aufgegeben habe und dass diese Entscheidung "außerhalb des Zeltes" ausgehandelt worden sei. Einige Delegierte vermuteten sogar Druck auf den Ex-König durch die USA, die Karsai weiterhin an der Macht sehen wollten. Der Paschtune Karsai war auf der internationalen Afghanistan-Konferenz im Dezember bei Bonn zum Ministerpräsidenten bestimmt worden. Er hat auch die Unterstützung der vornehmlich aus Usbeken und Tadschiken bestehenden Nordallianz.

Der Beginn der Sitzung war am Montag nach offiziellen Angaben wegen organisatorischer Probleme um einen Tag verschoben worden. Zuvor hatten Diplomaten und Regierungsvertreter eine Diskussion um die künftige Rolle des Ex-König Sahir Schah als Ursache für die Verschiebung genannt. Die Teilnehmer der Loja Dschirga waren in den vergangenen Wochen im ganzen Land gewählt worden. Der Versammlung gehören Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Unter ihnen sind auch rund 200 Frauen. Den Afghaninnen war während der Herrschaft der radikal-islamischen Taliban eine Teilnahme am öffentlichen Leben strikt verwehrt gewesen. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte in Afghanistan Krieg geherrscht. 1979 waren sowjetische Truppen einmarschiert, die zehn Jahre später von einheimischen Kämpfern, den Mudschahedin, vertrieben wurden. Kurze Zeit später brachen Kämpfe zwischen den Truppen afghanischer Kriegsfürsten aus, die erst von den radikal-islamischen Taliban beendet wurden. Vor einem halben Jahr wurde die Taliban von der Nordallianz und anderen Gruppen mit Unterstützung der USA und ihrer Verbündeten entmachtetet.

Die Loja Dschirga hat in Afghanistan eine jahrhundertelange Tradition. Die erste Große Versammlung fand 1709 in Kandahar statt. Dabei wurde in einer Geheimsitzung der Sturz eines von iranischen Eroberern eingesetzten despotischen Gouverneurs beschlossen.

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