Ex-Nationalbankchef Repse hat gute Chancen bei den Parlamentswahlen
Riga räumt letzte Hürden für den EU-Beitritt aus dem Weg

Marija Naumowa sitzt in einem Biergarten in Rigas Altstadt und genießt die neugierigen Blicke von den Nachbartischen. Die zierliche junge Frau ist ein Star, seit sie als "Marie N" den Schlager-Grand-Prix gewann.

HB RIGA. Und sie gilt als Musterbeispiel für die gelungene Integration der russischsprechenden Minderheit. "Ich bin ein typisch russischer Mensch, aber ich liebe dieses Land", sagt die Russin, die in Riga geboren wurde. "Die meisten von uns würden doch nie nach Russland zurückkehren."

Das einst gespannte Verhältnis zwischen den Letten und den rund 800 000 Russischsprachigen in dem 2,4 Mill. Einwohner zählenden Land hat sich weitgehend normalisiert: Locker wechseln junge Leute in Rigas Szene-Cafes zwischen beiden Sprachen hin und her. Im Übrigen ist das passive Wahlrecht inzwischen nicht mehr davon abhängig, dass der Wähler lettische Sprachkenntnisse nachweisen muss. Damit hat das baltische Land einen Stolperstein für die angestrebte Mitgliedschaft in EU und Nato ausgeräumt: Beide Organisationen mahnen die Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen an.

Allerdings: Mehr als 540 000 Einwohner Lettlands sind "staatenlos"- die meisten von ihnen gehören zur russischsprachigen Minderheit. Sie scheuen den Lettisch-Sprachtest, der zum Erwerb der Staatsbürgerschaft weiterhin erforderlich ist. Ab 2004, wenn der lettische Pass auch EU-Bürgerschaft bedeutet, werden die Staatenlosen für Reisen in EU-Länder ein Visum brauchen.

Insgesamt hat Lettland in den Verhandlungen mit der EU große Fortschritte gemacht. Zuletzt wurden die Kapitel Steuern, Inneres und Regionalpolitik geschlossen. Damit hat das baltische Land 27 von 31 Kapiteln abgehakt und liegt wie seine Nachbarn Estland (28) und Litauen (28) in der vorderen Gruppe der zehn Beitrittskandidaten. "Wir haben unsere Interessen gut verteidigt und durch sorgfältige Verhandlungen mehrere Übergangsfristen bekommen," sagt EU-Chefunterhändler Andris Kesteris. Sorge machen ihm - wie auch seinen Kollegen in den baltischen Nachbarstaaten Litauen und Estland - allerdings die vorgesehenen Quoten für die Landwirtschaft. Weil die Referenzphase gerade in die Umstellungszeit von den Kolchosen auf die private Landwirtschaft fällt, seien die Quoten viel zu niedrig. "Wenn wir als Agrarland später Milch importieren müssen, ist das der Bevölkerung nicht zu vermitteln." Gerade das Thema Agrarpolitik sei aber für das ländlich geprägte Lettland Gradmesser für die "Gerechtigkeit" der EU. Im August 2003 werden die Letten in einem Referendum über den Beitritt entscheiden, derzeit liegt die Zustimmung bei 41 %. Den Beitritt zur Nato befürworten 60 % der Bevölkerung.

Wirtschaftlich hat Lettland im vergangenen Jahr einen beachtlichen Aufschwung erlebt: 2001 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 7,6 % - der höchste Wert in Mittel- und Osteuropa. Die Prognosen für das laufende und das kommende Jahr liegen zwischen 5 und 6,4 %. Wegen der Flaute in Westeuropa ging der Export in die EU 2001 erstmalig zurück, dafür stieg aber der Export nach Russland. Allerdings ist Lettland laut der Organisation Transparency International nach Bulgarien das Land mit der zweithöchsten Korruptionsrate in Osteuropa. Eine neue Anti-Korruptions-Behörde soll Abhilfe schaffen, die Suche nach einem unangreifbaren Chef-Aufklärer gestaltet sich jedoch schwierig.

Viele Letten führen das Korruptions-Problem auf darauf zurück, dass seit der Unabhängigkeit eine Partei, der konservative "Lettische Weg" von Premier Andris Berzins, in unterschiedlichen Koalitionen immer an der Regierung beteiligt war. Wachsender Unmut über den Filz könnte bei den am 5. Oktober 2002 anstehenden Parlamentswahlen erstmals dazu führen, dass der "Lettische Weg" von der Macht verdrängt wird. In den Umfragen führt die neu gegründete Partei "Neue Zeit" des ehemaligen Nationalbank-Chefs Einars Repse (41). Viele sehen in dem "Vater der lettischen Währung", der den Lat einführte und zu einem festen Kurs an den Währungskorb des IWF anband, einen Garanten für den konsequenten Kampf gegen die Bestechlichkeit.

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