Ex-Schachweltmeister
Garri Kasparow fordert von Putin Revanche

Garri Kasparow ist Frontmann der Oppositionsbewegung "Anderes Russland". Im Juli will der Ex-Schachspieler und seine Bewegung ein politisches Programm ausgearbeitet haben. Den Kampf gegen Putin nimmt er dabei gerne auf.

MOSKAU. Der kleine Mann mit den drahtig grauen Haaren lächelt in die Kameras. Wenn er redet, umspielt ein Schmunzeln seinen Mund. Garri Kasparow erweckt den Eindruck, als ob er sich auf den Termin, den er heute beim Geheimdienst FSB hat, richtig freut. Seine kurzzeitige Verhaftung am Wochenende hat ihn sichtbar erfrischt.

Die Geheimen wollen wissen, ob er ein Extremist ist - nach den Buchstaben den neuen Gesetzes ist dies ein weites und brisantes Feld. Er habe auch ein paar Fragen an die Herren, erklärt Kasparow den Journalisten: Ob es zum Beispiel schon extrem ist, zu behaupten, dass Russland ein Polizeistaat sei und Herr Putin abtreten solle. Kasparow hat zum Pressetermin ins Haus der Journalisten am Nikitski Boulevard eingeladen, vor allem ausländische Kamerateams sind gekommen. Die meisten elektronischen Medien aus Russland dürfen nicht über die Oppositionellen berichten - es sei denn, sie machen sie schlecht. Erst diese Woche hat der Kreml seine Kontrolle über die Radionachrichten ausgeweitet - der "Russische Dienst für Nachrichten", der vor allem private Stationen bedient, erhielt Anweisungen, "mehr Regierungspolitiker" zu Wort kommen zu lassen. Die Furcht der Herrschenden vor Andersdenkenden nimmt vor den anstehenden Duma- und Präsidentschaftswahlen groteske Züge an.

Dicht gedrängt um den Großmeister sitzen die Organisatoren und Sympathisanten der Demonstrationen vom Wochenende, ein bunter Haufen. Die Grande Dame der Menschenrechtsbewegung in Russland, Ludmilla Alexejewa, ist dabei. Neben dem scherzenden Kasparow hockt ein finster blickender Andrej Illarionow, einst Putins Wirtschaftsberater und im Zwist von ihm gegangen. Als Privatmann sei er dabei, erklärt er. Am Wochenende war er zum ersten Mal auf einer Demo gegen Putin - und das Vorgehen der Polizei hat ihn nachhaltig geschockt. "Wir müssen uns selbst verteidigen gegen diese staatlichen Banditen", erklärt Illarionow finster. Politischer Widerstand sei in Russland nicht mehr möglich.

Keine Gewalt, betont Kasparow, das sei Konsens, reicht das Mikrofon herum. Dann kommen die Fragen: Wie soll es nun weitergehen? Reicht es, nur zu rufen: "Nieder mit Putin"? Wie wollen sie ihren zahlenmäßig kleinen Protest in die Masse tragen? Wird es die bunte Truppe von Putin-Gegnern gelingen, so etwas wie ein politisches Programm und am Ende gar einen potenziellen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen?

Kasparow hat Antworten: Der nächste Marsch werde stattfinden, wenn er wieder Geld von Boris Beresowskij erhalten habe, scherzt er, von dem in London exilierten Oligarchen, den der Kreml gerne für alles Böse der Welt verantwortlich macht. Der Saal lacht. Nein ernsthaft, im Juni wird es mit Aktionen weitergehen, man werde vor das Verfassungsgericht ziehen, und im Juli werde man ein politisches Programm ausgearbeitet haben: Die Macht des Präsidenten muss beschnitten werden, die Regierung muss dem Parlament verantwortlich sein, der Föderalismus wieder hergestellt werden.

Reicht das schon? Kasparow sieht den Kreml schon wanken, wittert Uneinigkeit im Regime. Er redet viel und schnell und erweckt dabei den Anschein, als sei er unantastbar. "Er ist immer noch der beste Schachspieler der Welt", raunt ein britischer Journalist. Doch er funktioniert vor allem in der internationalen Öffentlichkeit - dort, wo er sich zu Hause fühlt. Er weiß es selbst, der Armenier aus Baku wird niemals die russischen Massen berauschen können. Den Kampf gegen Putin nimmt Kasparow trotzdem gerne auf. Er braucht ihn.

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