Ex-Tyssen-Chef Spethmann
„Krise erinnert an die Lage nach dem Krieg“

Es war schon spät, als in der Villa am Düsseldorfer Rheinufer das Telefon klingelte. „Ich ging ran und am anderen Ende war Helmut Schmidt“, erinnert sich Dieter Spethmann. Auch das Datum dieses denkwürdigen Gesprächs hat der langjährige Thyssen-Chef nicht vergessen. „Es war der 5. September 1981.“ Nach sechs Jahren Quotenvorgabe aus Brüssel hatte die Stahlkrise damals ihren Höhepunkt erreicht. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

BERLIN. „Wir erwirtschafteten keine Deckungsbeiträge mehr, und Helmut Schmidt fragte mich, was wir tun können.“ Die Antwort war einfach: „Halten Sie nur still“, bat der Stahlmanager den damaligen Bundeskanzler, „den Rest machen wir.“

Wenig später trafen sich die beiden Herren in der Nähe des Ferienhauses von Schmidt am Brahmsee im Rendsburger Lokal „Landsknecht“. Bei einem Glas Wein kam man überein, dass die deutsche Stahlindustrie zum 1. Oktober 1981 die Preise auf einen Schlag um 20 Prozent erhöhen sollte. „Das war Kartellbildung“, gibt Spethmann rückblickend zu, „aber es gab keine andere Chance. Die verarbeitende Industrie hat zwar über die Preise geklagt, aber niemand ist deshalb pleite gegangen. Ich kann nur sagen, dass Helmut Schmidt mit seinem stillen Einverständnis damals unsere Stahlindustrie gerettet hat.“

Dieter Spethmann kann viele spannende Geschichten aus 60 Jahren deutscher Wirtschaftsgeschichte erzählen. Dem heute 83-Jährigen fällt zwar inzwischen das Laufen schwer, aber sein Gedächtnis hat ihn nicht im Stich gelassen. Die Zahlen, Daten und Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus, ebenso die Fülle der Namen von Menschen, die dem Ex-Thyssen-Chef von Beginn der Bundesrepublik an bis heute begegnet sind.

Sogar die westdeutsche Geburtsstunde hat Spethmann persönlich erlebt, nämlich als Jura-Student und einziger Zuschauer, versteckt auf der Galerie hinter dem Kopf der Giraffe des Museums König in Bonn. Sein Professor für Staatsrecht hatte die Konstituierung der neuen Republik als mögliches Examensthema genannt. „Ich fuhr also mit dem Fahrrad nach Bonn, schenkte dem wachhabenden Polizeibeamten eine Packung Zigaretten und durfte so die Sitzung des Parlamentarischen Rates verfolgen“, erinnert sich Spethmann. Die Zigaretten, im Nachkriegsdeutschland bares Geld, waren zwar sein „ gesamtes Vermögen“, schmunzelt der alte Herr. Aber dafür ist er der einzige noch lebende Zeitzeuge, der im staatsrechtlichen Sinne am Taufbecken der Bundesrepublik stand.

Eine wichtige Wegmarke erreichte Deutschland kurz darauf mit der Einführung der D-Mark. „Ludwig Erhards Wirtschaftsreformen waren die Initialzündung“, unterstreicht Spethmann. Allerdings unterschätze man heute andere, ebenfalls entscheidende Faktoren für das „Wirtschaftswunder“: „Wir hatten trotz der Kriegszerstörung noch viele erstklassige Industrieanlagen, die schnell wieder aufgebaut werden konnten“, meint der Ex-Manager. Auch das Wissen der Menschen und die Infrastruktur waren vorhanden. „Im Gegensatz zur Ostzone, wo die Sowjets alle Industrieanlagen demontierten, waren wir im Westen relativ schnell in der Lage, wieder loszulegen.“

Schon 1950 begann zwischen Konrad Adenauer und dem DGB der Streit um die Mitbestimmung. „Am Anfang war ich zögerlich, aber später habe ich im Gegensatz zu vielen Kollegen in der Industrie die Mitbestimmung immer positiv gesehen – und das gilt bis heute“, unterstreicht der langjährige Thyssen-Chef. „Die Vorstände vor allem in der Montanindustrie sind nach dem Krieg eben keine ,Herren’ der Fabriken mehr gewesen, und auch der Wiederaufbau funktionierte nur mit Hilfe der Belegschaften“, begründet Spethmann heute seine Haltung. „Die Mitbestimmung teilt Macht, aber sie zwingt zur Argumentation, zur Sachlichkeit – und sie verbietet Bocksprünge!“

Als der Streit um die Mitbestimmung in den 60er- und 70er-Jahren eskalierte, war der gelernte Jurist schon weit oben angekommen. Als Chef der Deutsche Edelstahlwerke AG wurde Spethmann 1964 selbst verantwortlich für 15 000 Mitarbeiter. „Sie kommen da als Nobody rein und das funktioniert nur, wenn Sie auf die Leute zugehen.“ Über das gewandelte Führungsverständnis der Wirtschaft von den eher autoritären 50er-Jahren bis zur Teamorientierung heute will Spethmann, der sich zu unrecht als autokratischer Unternehmenslenker beschrieben sieht, gar nicht lange reden. „Heute wie damals müssen Sie als Chef zwei Dinge besonders gut machen: Die richtigen Leute aussuchen und sie dann richtig führen, das heißt mit Ergebnisverantwortung ausstatten.“

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