Exil-Tibeter in Nepal
„Wir stehen auf für Tibet, bis zum letzten Atemzug“

"Im Moment folgen wir dem Dalai Lama. Aber was morgen ist, weiß niemand": Die ältere Generation der Exil-Tibeter gibt sich gemäßigt. Doch die Jugend träumt weiter vom freien Land. Dafür ist sie auch bereit, mehr zu tun als Kerzen anzuzünden.

KATHMANDU. Langsam fährt der Lieferwagen mit den verdunkelten Scheiben durch die Straßen, bis er abrupt neben einem jungen Mann hält. Die Hecktüren öffnen sich, zwei Hände ziehen den Fußgänger ins Innere, dann rumpelt der Transporter weiter. Der Aufgegriffene ist Tibeter, doch die Szene spielte sich nicht etwa in Tibet ab, sondern im Nachbarland Nepal.

"Er war bei den Protesten immer vorne dabei", sagt einer der Freunde des jungen Mannes. "Das war gefährlich. Wir werden hier ständig beobachtet." Die Freunde konnten nichts für den Verhafteten tun. Wie er halten auch sie sich illegal in Nepal auf - ohne Pass oder Flüchtlingspapiere, denn seit 1990 erkennt Nepal Tibeter nicht mehr als Flüchtlinge an.

Vor wenigen Jahren erst sind sie über die Berge des Himalaya nach Nepal geflohen. Nun leben sie in Boudha, einem Stadtteil von Kathmandu. Nach Dharamsala in Indien ist dies die zweitgrößte tibetische Gemeinde im Ausland. An normalen Tagen sind die kleinen Gassen rund um die weiß getünchte Stupa, das religiöse Zentrum der Tibeter, verstopft mit Taxis, Rikschas, den Obstkarren der Bauern und Touristen, die Klangschalen oder Gebetsfahnen kaufen. Doch in den zwei Olympia-Wochen sind die Straßen leer, die Tibeter halten aus Protest gegen Chinas Unterdrückungspolitik ihre Läden geschlossen.

Dafür herrscht im ehemaligen Flüchtlingszentrum in Boudha reges Treiben. Im Hof spielen junge Männer Basketball. Einer von ihnen war sogar eine Zeit lang im nepalesischen Nationalteam. "Vielleicht können wir ja eines Tages mit einer tibetischen Mannschaft zu den Olympischen Spielen gehen", sagt er. In den Köpfen junger Exilanten lebt der Traum vom freien Tibet fort.

Im Versammlungsraum hocken seit Beginn der Spiele dicht zusammengedrängt Mönche. Eingehüllt in ihre leuchtenden Gewänder lesen sie heilige Schriften - so laut, dass es noch zwei Straßen weiter zu hören ist. Frauen aus der Nachbarschaft kochen für die Mönche, während ihre Männer in der Küche über weitere Protestmärsche beraten: "Wir haben Angst. Die Polizei wird immer brutaler."

Die Stimmung ist aufgeheizt. Bei den Demonstrationen in Kathmandu zu Beginn der Olympischen Spiele wurden 1 400 Tibeter festgenommen. Die Polizei prügelte die Masse auseinander. "Wir wollten friedlich demonstrieren, Blumen vor der Botschaft hinlegen", sagt einer der Männer. Doch dann flogen wieder Steine. Die Tibeter vermuten, dass Chinesen die Anstifter waren, damit die Lage eskaliert.

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