Exklusiv-Interview mit Samsung-Chef Yun
"Wir denken nur ans Geldverdienen"

Der Chef von Koreas Senkrechtstarter Samsung Electronics äußert sich über die Zukunft Asiens, die Fehler der Konkurrenz und Europas UMTS-Probleme.

HB: Herr Yun, Sie haben Samsung Electronics auf den Kopf gestellt. Vor fünf Jahren war Ihr Unternehmen Teil eines schwerfälligen, angeschlagenen Chaebols. Heute ist es nicht nur ein asiatisches Vorzeigeunternehmen, sondern Südkoreas erster echter Weltkonzern. Wie haben Sie das geschafft?

Yun: Mitte der 90er Jahre ging es uns sehr gut, es gab konzernintern sogar eine Art "Bubble Economy". Ans Unstrukturieren hätten wir damals nicht im Traum gedacht. Die Finanzkrise 1997 hat uns dann gezwungen, gehörig zu sanieren. Heute entspricht unsere Konzernstruktur ungefähr dem Standard amerikanischer Unternehmen, und wir sind wieder konkurrenzfähig. Außerdem haben wir in Zukunftstechnologien investiert, vor allem im Halbleiterbereich. Das hat die japanische Konkurrenz verpasst.

HB: Sie haben eine Kulturrevolution angezettelt?

Yun: Wir haben die Denkweise und das Arbeitsklima verändert, indem wir mehr Verantwortung auf untere Ebenen übertragen haben. Das hat unsere Mitarbeiter selbstbewusster und verantwortungsvoller gemacht. Und wir haben Reformen in Bereichen angepackt, die als unantastbar galten.

HB: Zum Beispiel?

Yun: Nehmen Sie das Prinzip der lebenslangen Beschäftigung bei einem Unternehmen: Wie in Japan war das auch in Südkorea lange selbstverständlich. Nach der Asienkrise haben wir den Mitarbeitern klar gemacht: Es gibt keine sichere Beschäftigung. Alles ändert sich ständig, die Welt, die Konjunktur, und um dem gerecht zu werden, muss man anpassungsfähig sein. Seitdem gilt: Wer nichts leistet, muss gekündigt werden. Wer Leistung bringt, wird belohnt.

HB: Für ein koreanisches Unternehmen ein Tabubruch. Betraf der auch die Führungsebene?

Yun: Die meisten Führungskräfte über 50 Jahre mussten gehen. Auch das ist ein großer Unterschied zu japanischen Firmen.

HB: Sie haben Samsung Electronics auf amerikanische Massstäbe getrimmt. Was macht Ihr Unternehmen noch koreanisch?

Yun: Korea ist immer noch stark von einer patriachalischen Denkweise geprägt, auch in den Unternehmen. Selbst junge Mitarbeiter können sich davon nicht immer frei machen. Das hat aber auch Vorteile: Zum Beispiel sind die zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Mitarbeitern sehr gut, und Beschäftigte haben eine große Loyalität gegenüber ihren Firmen. Ein Nachteil ist jedoch, dass wir uns nicht so gerne nach außen öffnen. Das müssen wir angehen.

HB: Sie stellen Ihre Angestellten darauf ein, dass der Umbruch bei Samsung andauern muss, um den Erfolg zu sichern. Was muss sich künftig ändern?

Yun: Ein Unternehmen braucht ständig Erneuerung. Wir müssen vor allem unsere Technologien weiterentwickeln und den Wert unserer Marke steigern. Und wir müssen noch flexibler, kompetenter und effizienter werden.

HB: Samsung Electronics ist zum Symbol geworden für ein Südkorea, das sich wie ein Phönix aus der Asche der Asienkrise aufgeschwungen hat. Doch was muss Ihr Land tun, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne zwischen dem Billiglohnland China und einem technologisch fortgeschrittenen Japan aufgerieben zu werden?

Yun: Das ist wirklich die entscheidende Frage für uns. Korea ist wie Deutschland ein ressourcenarmes Land. Unsere Zukunft liegt im technologischen Fortschritt. Um den zu gewährleisten, müssen wir vor allem den Ausbildungsstand verbessern. Das gilt auch für Samsung. Wir müssen Spitzentechnologien so weit entwickeln, dass China es nicht wagt, uns einzuholen. Wir müssen uns aber auch Gedanken machen, wie wir Chinas Potential nutzen können.

HB: Wie sieht Ihre China-Strategie konkret aus?

Yun: Wir arbeiten noch daran. Aber eines steht fest: Wir werden in Zukunft noch mehr in China investieren. Wir wollen dabei nicht nur von den niedrigen Arbeitskosten profitieren. Auch als Absatzmarkt bietet uns die Volksrepublik dank ihrer schnell wachsenden Mittelschicht immense Chancen. Außerdem verfügt das Land über zahlreiche hoch qualifizierte Fachkräfte aus den Naturwissenschaften, und die werden wir verstärkt für unsere Entwicklungsarbeit nutzen.

HB: Nach der Finanzkrise hatte der Westen Fernost abgeschrieben. Inzwischen ist das Interesse zurück, vor allem an Nordasien. Was entscheidet über die Zukunft des Kontinents?

Yun: Die Zukunft Asiens hängt vor allem von China ab. Von dem hohen Wachstum dort profitiert die ganze Region. Zur Zeit leiden die USA und Europa unter einer Wirtschaftsflaute. Unsere Region wächst trotzdem mit um die 5%, vor allem dank China. Das macht den chinesischen Markt auch für unser Unternehmen noch wichtiger. 10 Prozent unserer Ausfuhren gehen bereits in die Volksre-publik, und sie wachsen jedes Jahr.

HB: Japan hat aus seiner Krise immer noch nicht herausgefunden, und es mehren sich Sorgen vor einem Zusammenbruch des Finanzsystems. Befürchten Sie, dass das Land den Rest des Kontinents mit nach unten reißen könnte?

Yun: In der Tat hat Japan großen Einfluss auf die ganze Region. Aber Gott sei Dank haben wir eine Alternative, und das ist China. Die schlechte Wirtschaftslage in Japan kann durch eine gute Konjunktur in China kompensiert werden.

HB: Ein politischer Unruheherd in der Region ist Nordkorea. Die Führung scheint sich nicht entscheiden zu können, ob sie sich weiter einigeln und mit dem Säbel rasseln will, oder sich der Welt öffnen soll. Sehen Sie die Chance auf Wandel?

Yun: Da kann ich nur meine persönliche Meinung sagen. Nordkoreas Führer Kim Jong Il glaubt, dass Reformen die einzige Möglichkeit sind, das Land weiter über Wasser zu halten. Gleichzeitig möchte er das jetzige Staatssystem beibehalten. Dadurch entsteht ein enormer Konflikt. Die Führungsebene unter Kim Jong Il denkt zudem nur an ihr eigenes Wohlergehen. Gelingt es Kim, diese Leute und sein Militär unter Kontrolle zu halten, können Reformen sehr schnell in Gang kommen. Anderenfalls wird es sehr lange dauern, bis sich das Land wandelt.

HB: Zurück zu Samsung. Philips, Siemens, Ericsson, NEC, Matsushita - kaum einer Ihrer Konkurrenten macht derzeit Geld. Sie fahren Rekordgewinne ein. Welche Fehler der IT-Branche haben Sie vermieden?

Yun: Erstens haben wir uns auf wenige, konkurrenzfähige Branchen konzentriert. Zweitens haben wir unsere Lagerbestände massiv reduziert, fast auf die Hälfte. Vor allem haben wir die Schuldenlast stark abgebaut. Das mag banal klingen, aber es ist unser Erfolgsrezept. Es ist ganz einfach: Man macht Geschäfte, um Geld zu verdienen. Viele vergessen diese einfache Tatsache und denken nur an Umsatz oder Marktanteile. Wer das tut, tappt leicht in die Schuldenfalle. Wir denken nur ans Geldverdienen.

HB: In jüngster Zeit haben Sie in der Tat eine Menge Geld verdient. In welche Bereiche werden Sie die Gewinne vor allem investieren?

Yun: In Zukuntstechnologien, vor allem bei Schlüsselkomponenten wie Halbleitern, Displays und Batterien. Zur Steigerung des Markenwerts fließt außerdem eine große Summe ins Marketing.

HB: Aus welchen Regionen und in welchen Geschäftsbereichen erwarten Sie in den nächsten Jahren das größte Wachstum?

Yun: Aus Asien, und dort vor allem aus China. Nach Geschäftsbereichen besonders bei der Telekommunikation und im Komponentengeschäft.

HB: Sie haben sich in den vergangenen Jahren stark auf den amerikanischen Markt konzentriert. Jetzt bildet China einen neuen Schwerpunkt. Wie wichtig ist Ihnen denn Europa?

Yun: Vor allem Westeuropa ist für uns langfristig vielleicht noch wichtiger als Nordamerika. Auch Osteuropa hat eine gute Infrastruktur und das Potenzial für eine rasche wirtschaftliche Entwicklung. Langfristig sehe ich da große Chancen. Aber derzeit haben wir noch Schwierigkeiten, diesen Markt zu erschließen.

HB: Wo liegen die Probleme?

Yun: Europa als Ganzes ist ein riesiger Markt. Aber wir müssen jedes Land einzeln angehen. Denn jedes hat eigene Anforderungen und technische Standards. Große Schwierigkeiten bereitet uns, dass jedes Volk einen anderen Design-Geschmack hat. Auch Vertrieb und Logistik machen Kopfzerbrechen, weil sie sich von Land zu Land unterscheiden.

HB: Wie wollen sie Europas Bin-nenmarkt trotz mangelnder Homo-genität knacken?

Yun: Wir hoffen sehr auf die europäische Integration. Denn derzeit können wir nur in Länder expandieren, wo wir hochwertige Produkte mit großem Mehrwert verkaufen können.

HB: Zumindest Europas Handy-Markt hat Samsung Electroncis in Siebenmeilenstiefeln erobert. Noch dazu gilt Ihre Handy-Sparte derzeit als die profitabelste der Branche. Dieses Jahr hat Samsung Siemens den Rang des drittgrößten Herstel-lers weltweit abgejagt, und auch Nokia und Ericsson beäugen Ihren Vormarsch mit Sorge.

Yun: Unsere Konkurrenten brauchen keine Angst zu haben. Wir operieren in einem ganz anderen Segment. Wir machen unser Geschäft mit Handys der oberen und mittleren Preisklasse. Nokia, Siemens und Ericsson sind stärker im Lowend-Bereich enga-iert. Dem Nokia-Management habe ich klar gesagt: Samsung wird auf keinen Fall Handys im Billigbereich anbieten, um seinen Marktanteil zu erhöhen. Genau genommen sind wir gar keine Konkurrenten. Mit Nokia zum Beispiel arbeiten wir eng zusammen, vor allem bei der Entwicklung von Komponenten wie SDRAMs und Flash Memory.

HB: In Südkorea nutzt bereits fast ein Drittel aller Mobilfunkkunden schnelle 2,5G-Datendienste. Auch in Japan wächst der Markt dafür ra-sant. Warum hinkt Europa hinter-her?

Yun: Es fehlt an Inhalten, um Kunden zu begeistern. Aber man kann Europas Mobilfunkmarkt deshalb nicht als unterentwickelt bezeichnen. Denn die Europäer sind gar nicht so versessen auf technologische Neuerungen. Sie sind eher konservativ, weniger anspruchsvoll und zufrieden mit herkömmlichen Diensten und Endgeräten. Dadurch fehlt dann Unternehmen jedoch der Ansporn zu Weiterentwicklungen. Außerdem gibt es übermäßige Konkurrenz im UMTS-Bereich, und die Lizenzen wurden zu teuer verkauft. Auch das hindert Anbieter daran, mehr Inhalte zu kreieren.

HB: Wie lange wird es denn dann dauern, bis sich in Europa ein Mas-senmarkt für UMTS entwickelt?

Yun: Schauen Sie nach Südkorea: Hier haben drei Betreiber Lizenzen für die dritte Mobilfunkgeneration erworben, zwei für UMTS, einer für den amerikanischen Standard CDMA2000. Ursprünglich wollten alle drei ihre Dienste zur Fußball-WM im Juni starten. Das hat nicht geklappt. In Japan wurde UMTS vor einem Jahr eingeführt, bislang auch ohne Erfolg. Ich habe das vorausgeahnt, der Markt ist einfach noch nicht reif.

HB: Wenn selbst in diesen zwei technikverrückten Laendern der Bedarf nach Mobilfunkangeboten der dritten Generation noch fehlt, wird es im konservativen Europa dann in greifbarer Zukunft überhaupt einen Markt für UMTS geben?

Yun: Ich glaube, Europa braucht noch mindestens drei bis vier Jahre, bis es so weit ist; wahrscheinlich aber noch viel länger. Das liegt zum einen an der Technologie, die noch nicht reif ist, aber auch an mangelnder Wirtschaftlichkeit von UMTS-Diensten und an der fehlenden In-vestitionskraft der Mobilfunkbetreiber. Außerdem gibt es schlicht keinen Bedarf für UMTS. Die Kunden sind einfach nicht so anspruchsvoll und werden mit den neuen Dienstleistungen nicht viel anfangen. Ich gehe davon aus, dass die Mobilfunk-anbieter ähnliche Bedenken haben.

HB: Verbessert die Verzögerung von UMTS die Aussichten für GPRS?

Yun: In GPRS sehe ich vorerst eine echte Alternative. Die Investitionskosten liegen deutlich unter UMTS, dadurch rechnen sich diese Dienste besser, für Anbieter wie für Kunden.

HB: Wird Samsung trotzdem UMTS-Geräte in Europa anbieten?

Yun: Auf jeden Fall.

HB: Wann?

Yun: Wenn der Markt reif ist. Die Entwicklung ist fast fertig.

HB: Was wird denn in der Unterhaltungselektronik der nächste große Verkaufsschlager nach DVD, MP3 und Spielkonsole?

Yun: Ich glaube, ein Handy mit PC-Funktionen. Außerdem werden so genannte Homeserver ein Hit werden. Das sind Schnittstellen, über die alle elektronische Geräte eines Haushalts miteinander verknüpft werden.

HB: Wie Sony setzt auch Samsung Electronics große Hoffnungen auf "digitale Konvergenz." Welche Hürden muss die Industrie überwinden, bis die Vision, alle elektronische Geräte mit einander zu verknüpfen und ineinander zu überführen Wirklichkeit wird?

Yun: Die größte Hürde ist die Vernetzbarkeit. Um digitale Konvergenz zu verwirklichen, brauchen wir ein einheitliches Betriebssystem. Fernseher, Drucker, PC, Telefon und so weiter brauchen eine standardisierte Plattform. Das ist sehr schwierig. Microsoft hat den PC-Bereich erobert. Andere Firmen machen dort kein Geschäft, dafür jedoch mit Betriebssystemen für andere Geräte. Und derzeit will jedes Unternehmen vor allem sein Terrain verteidigen.

Eine letzte Frage: HB: Wie sieht es bei Ihnen privat aus, gibt es da irgendein Gerät, auf dem nicht Samsung steht?

Yun: Bei mir Zuhause gibt es ausschließlich Samsung Produkte. Nur mein Rasierer ist von Philips. Wir stellen nämlich keine Rasierer her. Außerdem habe ich eine Sony-Digitalkamera. Aber die wurde mir von einem Freund bei Sony geschenkt!

Quelle: Handelsblatt

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