Exodus der Kameruner
Die Löwen auf der Flucht

Mehr als die Hälfte der Kameruner Spieler sind bereits auf dem Weg in die Heimat. Sie entflohen der Endzeit-Stimmung, die sich bei den zu Hauskätzchen mutierten "unzähmbaren Löwen" nach dem Ausscheiden breitgemacht hatte. Auch Winnie Schäfer will nach Hause.

dpa HAMAMATSU. Das Chaos der 44-stündigen Anreise zur Fußball-Weltmeisterschaft in Japan hat die Delegation von Kamerun bei der Abreise wieder eingeholt. Am Morgen nach dem Vorrunden-K.o. durch die 0:2-Niederlage gegen Deutschland in Shizuoka reisten 15 der 23 WM-Spieler auf eigene Faust ab. Sie entflohen der Endzeit-Stimmung, die sich bei den zu Hauskätzchen mutierten "unzähmbaren Löwen" nach dem Ausscheiden breitgemacht hatte. Bereits am frühen Mittwochmorgen checkten sie im Grand Hotel ihres Standorts Hamamatsu aus und organisierten ihre Rückreise über Nagoya und Tokio nach Paris selbst.

Trainer Winfried Schäfer wollte die Aktion nicht als "Flucht" bewertet sehen und spielte die überstürzte Abreise ganz offensichtlich herunter. "Das war so abgesprochen, damit sie bei ihren Familien sind und Urlaub machen können. Danach müssen sie ja wieder ihren Clubs zur Verfügung stehen", sagte Schäfer, der die Zahl der abgereisten Spieler auch nur auf zwölf bezifferte. Auch Kameruns Pressechef Jean-Lambert Nang wollte von Auflösungserscheinungen nicht reden und kommentierte das eigenmächtige Handeln der Spieler so: "Wir konnten ihnen das nicht verbieten. Sie sind keine Kinder mehr, sondern erwachsene Menschen. Jeder kann gehen, wohin er will."

Der Rest der kamerunischen Delegation mit Verbandspräsident Muhammed Iya, Sportminister Mkpatt Bidoung, Team-Manager Andre Nguidjol Nlend, Schäfers Trainerstab, der medizinischen Abteilung um den deutschen Mannschaftsarzt Heinz-Walter Löhr und den verbliebenen acht Spielern - darunter der Kölner Kapitän Rigobert Song - saß derweil auf gepackten Koffern. Sie warteten auf eine von der Regierung versprochene Chartermaschine der Air Cameroon, die am Donnerstag in Nagoya landen und sie nach Paris bringen soll.

Doch auf Grund der schlechten Erfahrungen der Anreise-Odyssee traut Schäfer den Planern beim Verband nicht so recht. Der 52-Jährige versuchte am Mittwoch, Kontakt mit der Reise-Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Südkorea aufzunehmen, um Möglichkeiten auszuloten, um notfalls auch seinen eigenen Rückflug selbst zu organisieren. Schäfer: "Ich habe keine Lust, hier womöglich bis zum Samstag rumzulungern. Auch ich will heim zu meiner Familie."

Das Drunter und Drüber bestätigt den deutschen Coach in seiner nach dem Deutschland-Spiel geäußerten Kritik an der mangelhaften Organisation beim Afrika-Meister. "Wenn wir nur 60 Prozent des Organisationstalents der Deutschen gehabt hätten, wären wir auch in die nächste Runde eingezogen. Da bin ich mir ganz sicher", meinte Schäfer, der im Nachhinein ein Beispiel der nach seiner Meinung zum WM-Scheitern führenden Desorganisation verriet. "Es kann doch nicht sein, dass wir beim Abschlusstraining vor dem Auftaktspiel gegen Irland nur fünf Bälle zur Verfügung hatten. Andere hatten 100."

Falls sich Schäfer nicht allein auf die Heimreise macht, fliegt er - wie "geplant" - am Donnerstag mit dem verlorenen Haufen zurück nach Paris. Ob er auch den "Abflug" als Kameruns Nationaltrainer macht, will er in der französischen Hauptstadt in einem Gespräch mit Sportminister Bidoung klären. Eines stellt Schäfer, dessen Vertrag am 15. Juli ausläuft, als unabdingbare Voraussetzung für sein weiteres Engagement mit Kamerun klar: "Ich werde zur Bedingung für eine Weiterarbeit machen, dass sich in der Organisation einiges gravierend ändern muss. Ich mache das alles nur für Kamerun, denn die Mannschaft hat das Potenzial, große Ziele zu erreichen."

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