Exoten in einer Skandalsportart
„Ich habe mich ins Gewichtheben verliebt“

Die Kanadierin Marilou Dozois-Prevost ist Gewichtheberin. Ebenso wie ihre deutsche Konkurrentin Julia Rohde trat sie in Peking an, ohne eine Medaille zu gewinnen. Dennoch standen beide im Fokus der Medien: Sie sind jung, sie sind feminin – und zählen damit in einer von Doping geprägten Sportart zu den Exoten.

PEKING. Marilou klingt irgendwie nicht nach Gewichtheben und Marilou Dozois-Prevost sieht auch nicht aus wie eine Gewichtheberin. Sie ist blond, hübsch und vor allem ist sie so schlank, dass man sie eher auf den Laufstegen dieser Welt vermuten würde als in der Aeronautikhalle von Peking. Dort greift sie nun in die Magnesiumschüssel, schnallt den Gürtel enger und beugt sich hinunter. 96 Kilogramm sind aufgelegt bei ihrem letzten Auftritt im Stoßen. Knapp 48 Kilo wiegt die junge Kanadierin. Sie pumpt, sie leidet, ihr Gesicht wird zur Fratze, als die Stange sich biegt. Beim Versuch, das Gerät über den Kopf zu wuchten, muss sie ablassen. 96 Kilo wären persönliche Bestleistung gewesen.

Nur ein Kilogramm weniger hat Xiexia Chen im Reißen geschafft, dem ersten Teil des Zweikampfes. Weil die Hantel dort in einem Zug nach oben gestemmt werden muss, fallen die Gewichte weit niedriger aus; über 20 Kilo macht der Unterschied in der leichtesten Frauen-Klasse (bis 48 kg) aus, in der an diesem Tag das erste Olympiagold der Kraftprotze vergeben wird. Beim Stoßen bringt es Chen auf 117 Kilo, zweieinhalb mal ihr Körpergewicht.

Doch wo die Kanadierin geächzt hat, schwingt die kleine, stämmige Chinesin das Gerät nach oben, als würde sie Luftübungen machen. Dass ihr muskulöser Körper nicht mehr wiegt als 48 Kilogramm, erscheint ein medizinisches Wunder. Unter wilder Akklamation ihrer Landsleute gewinnt Chen das erste Gold für China.

Natürlich interessieren sich danach alle für die Siegerin. Aber die Vorletzte ist kaum weniger begehrt. Marilou Dozois-Prevost strahlt über das ganze Gesicht. Erzählt vom Traum, bei Olympia dabei zu sein. Und wird es nicht leid, die Frage zu beantworten, die man einer wie ihr einfach stellen muss: Warum zur Hölle hebt sie Gewichte?

„Es war vor neun Jahren“, erzählt sie. „Ich ging zur Schule. In den Mittagspausen habe ich mich gelangweilt, also bin ich in den Fitnessraum. Ich habe mich sofort in diesen Sport verliebt.“ Mittlerweile studiert sie Psychologie an der Universität von Montreal, für das Training bleiben rund zwei Stunden am Tag. Womit auch deutlich wird, warum sie gerade einmal stößt, was die anderen reißen. „Ich bin Amateur, sie sind Profis. So einfach ist das.“

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