Expansionshunger noch nicht gestillt
OM Gruppen setzt auf eine Nordeuropa-Börse

Nach der Zusammenlegung der Börsen in Stockholm und Helsinki kontrolliert die neue OM HEX Integrated Markets rund 80 % des gesamten nordeuropäischen Aktienhandels. Mittelfristig sollen alle 490 in Nordeuropa notierten Unternehmen auf einer Liste geführt werden.

STOCKHOLM. "Na endlich", haben vermutlich viele Investoren und Anleger gedacht, als die Betreibergesellschaft der Stockholmer Börse, OM Gruppen, vor zwei Wochen die Übernahme des Konkurrenten in Finnland bekannt gab. Für die Helsinki Stock Exchange (HEX) muss OM rund 219 Mill. Euro hinblättern. Das Überraschende war nicht der Deal an sich, sondern die Bereitschaft der Finnen, die über Jahre hart verteidigte Eigenständigkeit aufzugeben. Doch offenbar hat man auf beiden Seiten der Ostsee eingesehen, dass nur eine gemeinsame nordeuropäische Börse im Konzert der Großen mitspielen kann. Nach der Zusammenlegung der Börsen in Stockholm und Helsinki kontrolliert die neue OM HEX Integrated Markets rund 80 % des gesamten nordeuropäischen Aktienhandels. Mittelfristig sollen alle 490 in Nordeuropa notierten Unternehmen auf einer Liste geführt werden. Dass der Anteil der OM HEX so groß ist, liegt an den bereits bestehenden Kooperationen der beiden Börsen: So kontrolliert die HEX auch die Börsen in Tallinn (Estland) und Riga (Lettland). Außerdem hatten die Finnen kurz vor der Übernahme durch die Stockholmer auch Gespräche über eine Kooperation mit den Börsen in Vilnius/Litauen eingeleitet. Die Stockholmer Börse hatte dagegen schon vor einigen Jahren durch die Norex eine Zusammenarbeit mit den Börsen in Kopenhagen, Oslo und Reykjavik ins Leben gerufen. Bislang handelte es sich mehr um große Worte, denn um eine tatsächliche Kooperation, die den Anlegern zugute gekommen wäre. Doch durch die HEX-Übernahme kann nach Meinung von Stockholmer Analysten das Eis gebrochen sein. Der neue OM-HEX-Chef Magnus Böcker beeilte sich, Kopenhagen, Oslo und Reykjavik auch ganz formell zur Beteiligung an der OM HEX einzuladen. Aus Kopenhagen und Oslo kamen umgehend positive Reaktionen auf die neue Achse Stockholm/Helsinki. Gehen die langfristigen Pläne auf, könnte eine große Börse für den gesamten Ostseeraum entstehen. War Helsinki bisher die Nokia-Börse, konnte Stockholm mit einem großen Handel mit Aktien des Konkurrenten Ericsson aufwarten. Die Domäne der Schweden waren aber bislang Aktien des Finanzsektors mit der Bank Nordea an der Spitze. Bei einer auf ganz Nordeuropa ausgeweiteten Zusammenarbeit hätten Anleger einfacheren Zugriff auf Titel der norwegischen Ölindustrie (Norsk Hydro) oder des dänischen Reederei- und Industriekonzerns A.P. Møller, der wegen notorischer Geheimniskrämerei oft aus dem Blickfeld gerät, aber vermutlich zu den drei größten nordeuropäischen Konzernen gehört. Nach mehreren vergeblichen Anläufen scheint unter Führung von OM das Ziel eines großen Börsenplatzes im Norden Europas Gestalt anzunehmen. Bislang haben die Schweden nicht immer eine glückliche Hand bei ihren Vorhaben gehabt: Ihr Übernahmeversuch der altehrwürdigen Londoner Börse endete mit einem Reinfall. Mit der zusammen mit der US-Investmentbank Morgan Stanley gegründeten paneuropäischen Kleinanlegerbörse Jiway erlitten sie ebenfalls Schiffbruch. Erfolgreich war OM dagegen mit seinem eigenen elektronischen Handelssystem, dass heute von mehreren internationalen Börsen benutzt wird. Pionier war die Stockholmer Börse auch in anderer Hinsicht: Sie war die erste privatwirtschaftlich ausgerichtete Börse der Welt und setzte als erste 1989 auf ein elektronisches Handelssystem. Außerdem gründete OM eine Reihe weiterer Börsen wie etwa die skandinavische Strombörse Nordpool in Oslo und das britische Pendant, die UK Power Exchange. In Europa allerdings bleibt OM weiter in der zweiten Garnitur. Der Abstand zum führenden Trio Frankfurt, Euronext und London ist auch nach der HEX-Übernahme immens. Analysten sehen die Schweden mit Blick auf eine europaweite Konsolidierung der Börsenlandschaft daher eher in der Rolle eines Juniorpartners. Allerdings ist "OM durch die Übernahme von Helsinki als Partner interessanter geworden", sagt Georg Kanders, Analyst bei WestLB Panmure.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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