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Experte: Afghanistans Wiederaufbau dauert Generationen

Ein Wiederaufbau Afghanistans würde nach Ansicht des Orient-Experten Johannes Kalter selbst bei einem sofortigen Umsturz des regierenden Taliban-Regimes Jahrzehnte dauern.

dpa STUTTGART. "Selbst, wenn von heute auf morgen dort Frieden herrschen würde, brauchte das Land drei Generationen, um den Stand von 1978 zu erreichen", sagte Professor Kalter vom Stuttgarter Linden-Museum in einem dpa-Gespräch.

Das Land sei von einem Terror-Regime buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht worden. "Die Intelligenz ist entweder ermordet oder geflüchtet, die Frauen eingeschüchtert, die Kultur wie etwa die weltberühmten Buddha-Figuren von Bamiyan zerstört", sagte Kalter. Es gebe keine Wurzeln mehr, auf denen sich eine demokratische Tradition oder politische Bildung entwickeln könnte.

Beste Chancen auf einen erfolgreichen Wiederaufbau habe Afghanistan unter Führung des 1973 gestürzten ehemaligen Königs Zahir Schah. Der 86-jährige Ex-Monarch, der derzeit im Exil lebt, könnte nach seiner Rückkehr "als Galionsfigur und Vorsitzender eines Nationalen Rates eine Übergangsregierung bilden", schlug Kalter vor. Der frühere König sei "der einzige kleinste gemeinsame Nenner, der für die führenden Volksgruppen akzeptabel ist".

Ein eventueller Sturz der Taliban würde von einem großen Teil der Bevölkerung sicherlich "mit Erleichterung" aufgenommen werden, meinte der Orient-Fachmann, der in seinem Stuttgarter Museum derzeit die Ausstellung "Afghanistan - Lebensbaum und Kalaschnikow" zeigt. Die Taliban lebten nur davon, dass sie Militär und Polizei kontrollieren, ansonsten aber "herrschten wie die Roten Khmer" in Kambodscha.

"Das ist ein Terror-Regime, das kann man drehen und wenden, wie man möchte", sagte Kalter. Ihr Verhalten begründeten die Taliban und ihr Oberhaupt Mullah Mohammed Omar zwar mit Vorschriften des Islams, doch lasse sich ihr Tun weder aus dem Koran noch aus der prophetischen Tradition ableiten. "Sie sind so wenig islamisch, wie Folter, Ketzer- und Hexenverbrennung christlich waren."

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