Experte prophezeit Branche robuste Zukunft
Trotzen Bücher jeder Mode?

"Get caught reading" - "Lass dich von Büchern fesseln": Mit diesem Slogan wirbt der Amerikanische Verlegerverband, AAP, für seine landesweite Lesekampagne. Stars wie Whoopi Goldberg, Yankee-Spieler Derek Jeter und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gehen als Vorleser mit gutem Beispiel voran. Inmitten der Multimedia-Flut gerät das klassische Medium Buch in Vergessenheit. Das bezeugen die stagnierenden Umsätze bei den großen US-Buchhändlern.

NEW YORK. Ein neuer Harry Potter ist nicht in Sicht. Die Aussichten für die nächsten Monate sind verhalten. Die Nummer eins auf dem Markt, Barnes & Noble, hat bereits vor Wochen die Anleger auf eine Enttäuschung vorbereitet und die Umsatzerwartungen für die erste Jahreshälfte nach unten korrigiert. Keinesfalls Bestseller sind zurzeit die Aktien der Bücherbranche. Die Papiere von Barnes & Noble sowie des Konkurrenten Borders haben in diesem Jahr bereits durchschnittlich 20 % verloren. Die beiden Buchhändler sind als Big Player nach den Übernahme- und Fusionswellen der vergangenen Jahre übrig geblieben. Jetzt fehlt der Branche die Wachstumsphantasie, die Anleger erneut zum Einstieg anregen könnte. Für rund 25 Mrd. $ kauften die US-Amerikaner im vergangenen Jahr Lesestoff. Damit ist der Absatz der Branche gegenüber dem Vorjahr gleich geblieben. Überraschungen werden die Ergebnisse für das zweite Quartal, die in dieser Woche bekannt werden, dementsprechend nicht bringen.

Ernüchterung herrscht auch im Online-Buchhandel, einst als das "Reengineering" des Buchhandels gefeiert. So räumt Kevin Frain, Finanzchef beim Internetableger Barnes & Noble.com, ein: " Das Online-Geschäft ist nach wie vor weitaus unbedeutender als der herkömmliche Buchhandel." Mit einem jährlichen Volumen von 2 bis 2,5 Mrd. $ werden auf diesem Weg gerade mal 6 % der Bücher an den Mann gebracht. Dazu kommt, dass der Wettbewerb im Netz gnadenloser ist als im Ladenverkauf. Die Zahl der Mitspieler ist hoch. Und die dem Kunden so oft angepriesene Nutzerfreundlichkeit erweist sich inzwischen als Bumerang. Mit einem Klick kann der Kunde von Seite zu Seite springen, Angebote vergleichen und bei Schnäppchen sofort zuschlagen.

Da lässt die nächste Konzentrationswelle nicht lange auf sich warten. Einen günstigen Startplatz hat sich Amazon gesichert. Der weltgrößte Internet-Händler hat seine Position im E-Commerce Bereich derart ausgebaut, dass die Konkurrenz so gut wie keine Chance hat sich zu etablieren. Nach einem Fehlversuch betreibt Borders seine eigene Website (Borders.com) inzwischen in Kooperation mit Amazon. Der Kurs des Web-Ablegers von Barnes & Noble (Barnes&Noble.com) hat schwer gelitten. Die Aktie notiert seit mehr als 30 Tagen unter einem Dollar. Als Folge könnte die Nasdaq die Aktie vom Kurszettel streichen. Das dürfte auch beim Mediengiganten Bertelsmann wenig Freude auslösen, denn die Gütersloher sind mit rund 40 % an Barnes & Noble.com beteiligt.

Die Händler erweiterten ihre Produktpalette um CDs, DVDs, Videos und PC-Spiele. Doch auch da erfüllten sich Wachstumsträume nur eingeschränkt. Wie den Musiklabeln machte auch den Buchhändlern zu schaffen, dass viele Musikfans sich ihren Nachschub im Internet besorgten - etwa per Napster. In dem Bemühen, Alternativen zum wenig innovationsfähigen Hardcover oder Taschenbuch zu finden, starteten die Buchhändler unter anderem den Versuch, "E-Bücher" zu vertreiben. Populärstes Beispiel ist der Sechsteiler "The Green Mile" von Stephen King. Nicht einmal dem Meister des Horrors gelang es, seinen Fans die Lektüre online zu verkaufen. Analyst David Lechtman von der Investmentbank Merrill Lynch warnt vor zu großen Illusionen: " Die neuen Medien werden das klassische Buch niemals ersetzen."

Bis vor kurzem gehörten Finanz- und Wirtschaftstitel zu den sicheren Bestsellern. Börsen- und Anlageratgeber nehmen ganze Stockwerke in den Filialen ein. Doch hier macht sich die aktuelle Wirtschaftslage bemerkbar. Seit Monaten sieht es schlecht aus in Corporate America: IPO-Flaute, kaum Unternehmensgründungen, Bilanzskandale haben das Interesse rundum Börsen und Finanzen geschwächt.. "Wer will denn in diesen Zeiten etwas von Business- und Finanzliteratur wissen?", fragt Barnes & Noble CFO Frain. Dementsprechend haben auch die Verkaufszahlen im Jahr 2001 in diesem Bereich 7,5 % auf 4,7 Mrd. $ abgenommen.

Und schließlich kann sich der Buchhandel dem allgemeinen Wirtschaftsklima nicht entziehen. "Der Grund für das schwache Wachstum liegt in der schleppenden Wirtschaft", sagt Bill Armstrong, Analyst bei King

Doch auch wenn sich viele Wachstumsträume der Buchhändler als genau dies erwiesen haben: Wer nach einer relativ stabilen Branche sucht in einer sonst recht unruhigen Zeit, ist bei den Bücherkrämern nicht verkehrt. Auf Gedrucktes zwischen zwei Pappdeckeln wird auch künftig nicht verzichtet werden. Deshalb prophezeit Merrill Lynch-Analyst Lechtman dem Sektor eine wenn auch nicht rosige, aber immerhin robuste Zukunft.

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