Experten beklagen mangelnde Unabhängigkeit von Unternehmen und Wirtschaftsprüfern
Unbequemer Sonderprüfer wird kalt gestellt

Das Sondergutachten mit einer kritischen Analyse der Immobiliengeschäfte der Bankgesellschaftstochter IBG verschwand nach der Präsentation schnell wieder in der Schublade. Die IBG entzog dem Prüfer den Auftrag "wegen Verfehlung des Themas". Doch die alarmierenden Analysen erweisen sich als richtig.

BERLIN. Die langjährigen Wirtschaftsprüfer der Bankgesellschaft von der BDO Deutsche Warentreuhand reagierten ablehnend auf das kritische Sondergutachtens des Hannoveraner Wirtschaftsprüfers Achim Walther. Über die negative Tendenz seiner Untersuchung berichtete er erstmals am 2. Juni den BDO-Wirtschaftsprüfern Jürgen Quehl (Berliner Niederlassungsleiter) und Dr. Stephan Busch. Am 24. Juli schließlich schickte er der IBG seinen "Bericht über die Sonderprüfung zu den Risiken der von der IBG aufgelegten geschlossenen Immobilienfonds".

IBG-Geschäftsführung zog umgehend die Notbremse

Knapp zehn Wochen später kam es am 2. Oktober in Nürnberg zur entscheidenden Abschlussbesprechung. Anwesend waren laut einem IBG-Schreiben: Vertreter der BDO (Jürgen Quehl), Dr. Christian Lauritzen sowie einige leitende IBG-Mitarbeiter. An den Gesprächsverlauf erinnert sich Walther genau: "Es hatte fast den Charakter einer Scheinbesprechung, deren Ergebnis schon feststand. Die personelle Besetzung war zweitklassig. Der Geschäftsführer Manfred Schoeps war nicht anwesend. Unter dem Vorsitz vom Dr. Lauritzen wurde mein Bericht abgelehnt. Ich sollte den Inhalt überarbeiten. Das habe ich verweigert."

Umgehend zog die IBG-Geschäftsführung die Notbremse. Fünf Tage nach dem Nürnberger Treffen warf sie Walther vor, das Thema verfehlt zu haben. Sie entzog ihm den Auftrag ("Wir erlauben uns daher, Sie mit sofortiger Wirkung vom Prüfungsauftrag zu entbinden") und forderte ihn dringend auf, "keine weiteren Entwürfe des Prüfungsberichtsentwurfs zu verbreiten". Der Wirtschaftsprüfer erkennt den "außerordentlichen Schachzug", der hinter dieser Entscheidung steckte: "Es lag kein offiziell abgenommener Bericht vor. Die Verantwortlichen konnten so tun, als habe es die ursprünglich von Decken veranlasste Sonderprüfung nie gegeben."

Damit verschwand das unbequeme Prüfungsergebniss offenbar in der Schublade. Die BDO Deutsche Warentreuhand berichtigte die Testate für 1995 und 1996 nicht, testierte den IBG-Jahresabschluss trotz aller eindeutigen Warnungen uneingeschränkt und ging auch in späteren Bestätigungsvermerken zu den Jahresabschlüssen nie auf die von Walther bloßgelegten Systemfehler ein. Die Folgen sind bekannt: Walthers Analysen bestätigen sich voll. Vor allem wegen der Mietgarantien und der Andienungsrechte für Anleger muss Berlin heute mit über 21 Mrd. Euro für die Bankgesellschaft bürgen.

Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind von ihren Auftraggebern nicht völlig unabhängig

Für die in den vergangenen Jahren immer häufigeren Skandale um fragwürdige Wirtschaftsprüfer-Testate machen Experten bisher zunehmenden Zeitdruck in der Ära von Globalisierung und Shareholder-Value verantwortlich. Wo früher vorsichtig bilanziert und möglichst eine Reserve in den Büchern gelassen wurde, verlangen die Konzerne heute von ihren Prüfern, dass sie möglichst hohe Unternehmenswerte bestätigen - damit Anleger und Analysten zufrieden sind. Immer mehr beklagen Experten einen weiteren Missstand: "Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind von ihren Auftraggebern nicht völlig unabhängig. Der Prüfer möchte sein Mandat behalten. Man nimmt neben Prüfungen auch Beratungsaufträge für dasselbe Unternehmen wahr. Der Prüfer kennt den Auftraggeber dann gut, und daraus entstehen persönliche Beziehungen", erklärt der Wirtschaftsprüfungsexperte Professor Klaus Wysocki. Solche Verflechtungen sind an der Tagesordnung: Es gilt noch immer als als normal, dass eine einzige Prüfungsgesellschaft ganze Konzerne mitsamt aller Töchter kontrolliert.

Der Fall "Bankgesellschaft Berlin" dürfte zu einem Lehrstück für die möglichen Folgen derart enger Beziehungen zwischen Prüfern und Geprüften werden. Nach Informationen des Handelsblatts und des ARD-Magazins Kontraste nahm in der entscheidenden Entstehungsphase der Bankenkrise ein Mann eine Schlüsselstellung bei der Prüfung des gesamten Bankgesellschafts-Konzerns ein: Der Chef des Berliner BDO-Büros, Jürgen Quehl, der wesentlich dazu beitrug, dass der Walther-Bericht abserviert wurde.

Quehl prüfte von 1990 bis 1996 die LBB, von 1994 bis 1996 außerdem die IBG sowie deren wichtigste Tochtergesellschaften. Und auch unter den Jahresabschlüssen des Gesamtkonzerns steht in den Jahren 1994 bis 1996 immer wieder: Quehl - Wirtschaftsprüfer. Zwar testierte beim Gesamtkonzern auch ein Kollege des Konkurrenten KPMG mit. Doch als Leiter des BDO-Teams war Quehl der einflussreichste Prüfer. Quehl hätte den Irrweg der IBG stoppen können, aber er griff nicht ein.

Warnende Testat-Einschränkungen blieben aus

Der BDO-Mann konnte sich auch kaum wirklich unabhängig fühlen. Als Niederlassungsleiter in Berlin hing sein Erfolg entscheidend davon ab, dass er die Bankgesellschaft und einzelne Konzerntöchter als Kunden halten konnte. Der Walther-Bericht von 1997 drohte einen Großteil seiner Arbeit zu entwerten. Wohl auch deshalb nahm Quehl an der Abschlussbesprechung zu der Sonderprüfung im Oktober teil, obwohl er kurz zuvor in den Ruhestand gegangen war. Eine warnende Testat-Einschränkung der BDO Deutsche Warentreuhand bei der IBG blieb erneut aus. 1997 ebenso wie in den Folgejahren. Noch 2001 verteidigten die BDO-Vorstände Holger Otte und Christian Dyckerhoff ihre Prüfer. Es habe nie Anlass gegeben, der IBG ein eingeschränktes Testat auszustellen.

Schadensersatzklage in Milliardenhöhe möglich

Nun aber hat die Rechtsanwaltskanzlei Clifford, Chance, Pünder (sie soll für den neuen BGB-Vorstand mögliches Fehlverhalten früherer Manager aufklären) den Walther-Bericht wiederentdeckt. Für BDO Deutsche Warentreuhand, mit 1 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 175 Mill. Euro, eine existenzielle Bedrohung. Denn nach Einschätzung von Rechtsexperten kann die Bankgesellschaft das Unternehmen auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagen.

"In seinem Berichtsentwurf hat Wirtschaftsprüfer Walther auf eindeutige bilanzrechtliche Fehler hingewiesen. Als Folge hätten die Testate für 1995 und 1996 berichtigt werden müssen. 1997 hätten die BDO nicht uneingeschränkt testieren dürfen", erklärt der Berliner Wirtschaftsrechtler Professor Hans-Peter Schwintowski .Und: "Die Prüfer haben die Warnungen wissentlich ignoriert. Sie wussten von Gefahren, Fehlern und Rechtsverstößen und haben dennoch bestätigt: Alles in Ordnung. Sie haben offensichtlich vorsätzlich gehandelt und sich dadurch des Bilanzbetrugs nach Paragraph 332 HGB strafbar gemacht."

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