Experten bemängeln Effizienz der Aufsicht – Einlagensicherungsgesetz liegt derweil auf Eis
Schlechte Noten für Russlands Banken

Die Bankenreform in Russland kommt nicht voran. Dies betrachten Experten mehr und mehr als Hemmschuh für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg der ehemaligen Großmacht. Einen Grund dafür sehen Kritiker darin, dass die meisten Banken noch immer zu eng mit den großen Industriegruppen verbandelt sind.

MOSKAU/LONDON. Westliche Experten sind sich weitgehend einig, wenn es um die Beurteilung des russischen Bankwesens geht. Die Risiken seien für die Geldhäuser heute wieder so groß wie vor der Finanzkrise im Herbst 1998, meint etwa die Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P). Damals gingen zahllose Banken bankrott, die Bedienung von Krediten wurde eingestellt, und der Außenwert des Rubels fiel um 75 %. Zwar habe der russische Banksektor seine Finanzbasis wieder hergestellt. Doch wie vor der Krise seien 50 bis 75 % der Kredite "potenziell problematisch", heißt es in einem jetzt veröffentlichten S&P-Report.

Hoch riskant sei die Vergabepraxis von Krediten an die mit den Geldhäusern verbandelten Finanz- Industriellen-Gruppen (FIG), wie die Imperien russischer Oligarchen genannt werden. Hinzu komme die "Dominanz" der Sberbank, eine Art Sparkasse, die sich zu mehr als 50 % im Besitz der Zentralbank befindet, und die "schwache Bankenaufsicht", heißt es in dem Bericht weiter.

Das Brookings-Institute, eine US-Forschungseinrichtung, kommt gar zu dem polemischen Urteil, dass der russische Bankensektor "die weltweit erste virtuelle Ökonomie" ist - eine Aussage, die Richard Spikerman, Aufsichtsrat der russischen MDM-Bank, zumindest in der Sache teilt: "Etwa 15 Banken arbeiten als solche. Der Rest ist Schmutz."

So wundert es kaum, dass S&P das russische Bankenwesen auf eine Stufe mit dem von Argentinien, China und der Türkei stellt - Länder also, die erhebliche Finanzprobleme haben. "Russland hat zu viele Banken und zu geringe ausländische Investitionen in das Bankensystem", fasst Natasha Page von der Ratingagentur Fitch das Kernproblem zusammen.

Laut der Fachzeitschrift "The Banker" kommen die 35 in Russland mit ausländischer Beteiligung operierenden Kreditinstitute auf einen Marktanteil von 8,8 %. In Polen kommen dagegen die westlichen Institute auf einen Marktanteil von 66 % und in Estland sind es sogar 97 %.

Für Peter Kölle, GUS-Direktor bei der Hypo-Vereinsbank und Aufsichtsrat der International Moscow Bank (IMB), sind viele russische Bank-Eigentümer jedoch selbst an der Vertrauenskrise schuld. "In der Krise 1998 retteten die meisten ihre Industrie-Imperien und haben ihren Finanzarm einfach abgehackt." Noch heute seien die meisten russischen Banken laut Kölle quasi "Finanzabteilungen der hinter ihnen stehenden Konzerne". Oder sie seien so genannte "Bridge Banks" - unter neuem Namen gegründete Institute, auf die das Vermögen ihrer Vorgänger einfach übertragen wurde, bevor diese dann Bankrott gingen.

Andere Geldhäuser wiederum betreiben nach Aussagen Kölles Transaktionen zu Gunsten ihrer Eigentümer. Sie nutzen Informationen, um Kontrolle über ihre Kunden zu bekommen um so die Macht der FIG zu stärken.

"Die Bankreform ist die am schlechtesten realisierte Reform in Russland in den vergangenen 10 Jahren", wettert Wladimir Raschewskij, CEO der MDM Financial Group. Die Zahlen geben ihm Recht. Zwar ist das Bankenkapital auf 130 Mrd. $ gewachsen. Aber mit 38,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegt es deutlich unter dem vergleichbaren Wert Polens (59 % des BIP) und zum Beispiel Tschechiens (120 %). Nur 7 % des BIP haben die Russen bei inländischen Banken angelegt. Nach Schätzungen von Experten halten sie 60 Mrd. $ als "Matratzengeld" zu Hause - und demonstrieren so ihr Misstrauen.

Oleg Wjugin, Vize-Präsident der russischen Zentralbank (ZB), gibt unumwunden zu, dass Russlands Banken eine "Bremse der Wirtschaftsentwicklung" sind - auch, wenn viele russische Konzerne gut ohne Banken auskämen, weil ihr Cash-Flow für Investitionen ausreicht. Auch die Zentralbank selbst sei mit 82 000 Mitarbeitern "immer noch ein viel zu großer bürokratischer Apparat". Doch für Expertin Page ist die russische ZB bisher eine der schwächsten in Osteuropa. "Wir hoffen auf den Reformwillen der seit einem Jahr amtierenden neuen Führung." Dass das dringend geforderte Einlagensicherungs-Gesetz noch immer nicht das russische Unterhaus passiert hat, ist dieser Hoffnung nicht gerade zuträglich.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%