Experten betrachten jüngste Erholung an der Wall Street mit Skepsis
US-Analysten fürchten neue Bilanzskandale

Händler und Investoren an der Wall Street können sich Ende der Woche vorläufig beruhigt den Thanksgiving-Truthahn schmecken lassen: Bereits sieben Wochen in Folge verzeichnen die Indizes der New Yorker Börsen steigende Kurse und markieren damit die längste Gewinnspanne der vergangenen vier Jahre. Auf Grund der feiertagsbedingt verkürzten Handelswoche rechnen Marktbeobachter zudem mit einem ruhigem Handel an der New York Stock Exchange (Nyse), so dass sich die steigende Tendenz weiter fortsetzen könnte.

NEW YORK. Dennoch beurteilen Analysten großer US-Bankhäuser die nähere Zukunft noch immer sorgenvoll. Sie befürchten, dass die jüngsten Kursgewinne nicht den Beginn eines längerfristigen Trends anzeigen, sondern lediglich eine zeitweise Erholungsphase - die zudem schon fast abgelaufen ist. "Ich glaube nicht daran, dass wir zurzeit einen neuen Bullenmarkt sehen", sagt etwa Jeffrey Saut, Chef-Marktstratege bei Raymond James. "Die bequemen Gewinne sind bereits eingefahren, und im Moment sollten die Anleger eher wieder verkaufen und ihre Profite mitnehmen."

Analyst Danny Seitz von Instinet warnt zudem davor, dass eine Reihe von Großunternehmen in den kommenden Monaten mit weiteren schlechten Nachrichten den Markt erneut belasten könnte. "Historisch gesehen gibt es zwei Indikatoren für Bilanzprobleme: Änderungen im Verhältnis von Forderungen und Verkaufszahlen, und rapide Zuwächse im Betriebskapital", erklärt Seitz. "Wenn sich beide dieser Warnzeichen zeigen, kann das ein gesteigertes Risiko von Unregelmäßigkeiten in der Buchführung bedeuten, oder zumindest auf einen strauchelnden Betrieb hinweisen, der voraussichtlich unterdurchschnittliche Ergebnisse einfahren wird."

Bei 14 Großunternehmen hat Seitz' Rechercheteam jüngst beide Warnzeichen identifiziert. Darunter sind der Lebensmittelriese Hershey Foods, der Animationsstudiobetrieb und Softwareproduzent Pixar sowie Circuit City Stores, eine Elektronikfachmarkt-Kette .

Weihnachtsgeschäft ist entscheidend

In welche Richtung der Markt letztendlich in den kommenden Monaten dreht, wird sich nach Meinung der Experten im Dezember entscheiden. Der durchs Weihnachtsgeschäft stärkste Verkaufsmonat des Einzelhandels könnte die Bilanzen des vierten Quartals und des Gesamtjahres noch abfedern; andererseits nutzen viele Unternehmen das Jahresende traditionell für Warnungen über bevorstehende Probleme und teilen ihre Erwartungen für die kommenden Quartale mit. Zudem erwarten Analysten deutliche Marktimpulse vom Uno-Ultimatum an den Irak, das im kommenden Monat ausläuft. "Wenn wir eine schnelle Lösung im Irak-Konflikt sehen, würde das der Konjunktur helfen", kommentiert Ed Yardeni, Chef-Investmentstratege bei Prudential Securities. "Allein in Spareinlagen sind zurzeit rund 2,7 Billionen Dollar Liquidität untergebracht. Dieses Geld könnte beginnen, in die Wirtschaft zurückzufließen, sobald die Anleger wieder ein besseres Gefühl haben, was die allgemeine Lage angeht."

Hoffnung schöpfen die Prudential-Analysten daneben aus einer Statistik, die berechnet, wie viele Aktien sich aktuell oberhalb ihres gleitenden Kursdurchschnitts befinden. "Vor der Verlustperiode im April und Mai lagen drei Viertel der Nyse-Aktien über dem Durchschnitt, und vor der Gewinnstrecke von Anfang Oktober nur eine von zehn", erklärt Analyst Ralph Acampora. "Zurzeit notiert rund ein Viertel der Aktien überdurchschnittlich. Daher glauben wir, dass die Rally noch ein wenig Aufwärtspotenzial besitzt.

Dennoch bleibe die Situation vorläufig angespannt, sagen Analysten. "Die Bewertungen vieler Titel sind immer noch zu optimistisch, weil sie sich auf die Hoffnung stützen, dass die Wirtschaft sich sehr robust präsentiert - und das kann ich noch nicht erkennen", sagt Jeffrey Saut. "Die besten Chancen auf Gewinne haben zurzeit die Anleger, die sich nicht an ganzen Sektoren orientieren, sondern ihre Kandidaten einzeln aussuchen."

Zu seinen jüngsten Zukäufen zählen der Öltitel British Petroleum und Tabakgigant Philip Morris; daneben empfiehlt er den Versicherer Allstate zum Kauf: "Der Hauptteil ihres Geschäfts stammt aus Auto-und Hausratsversicherungen, die anders als Gebäudeversicherer zurzeit einem niedrigeren Risiko ausgesetzt sind." Die Analysten von Prudential Securities raten außerdem zum Kauf von Titeln des Buchhändlers Barnes & Noble und des Sportschuhgeschäfts Footlocker.

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