Experten bezeichnen Prognosen für 2002 als zu optimistisch
Quartalszahlen überzeugen Banker nicht

Die aktuellen Zwischenberichte vieler Unternehmen haben Anlagestrategen skeptisch gemacht. Denn viele Unternehmen übertrafen die Erwartungen nur, weil die Analysten ihre Prognosen zuvor stark gesenkt hatten. Immerhin erwarten Commerzbank und Morgan Stanley auf mittlere Sicht keine großen Kursverluste mehr.

DÜSSELDORF. So ändern sich die Zeiten. Anfang des Jahres sorgte die US- Bank Morgan Stanley für Aufsehen, als sie eine Rezession und Kursverluste für europäische Aktien voraussagte. So pessimistisch war sonst kaum jemand. Ein Experte der Deutschen Bank sprach gar von "überzogenen Horrorszenarien" der Amerikaner.

Mittlerweile hat die Deutsche Bank die US-Konkurrenz in punkto Schwarzmalerei überholt. "Wir würden jeden Aufwärtstrend als Verkaufsgelegenheit sehen, nicht als Beginn einer breiten Erholung", sagt James Barty, Europa-Stratege der Deutschen Bank. Ben Funnell von Morgan Stanley meint dagegen: "Wir sehen nicht mehr viel Abwärtspotenzial für die europäischen Börsen." Auf Sicht von zwölf Monaten dürften die Kurse steigen, sagt Funnell - auch wenn der richtige Moment zum Einstieg noch nicht da sei.

Die meisten Anlageexperten der großen Banken sind in den vergangenen Wochen vorsichtiger geworden. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Dazu beigetragen haben die jüngsten Quartalszahlen, die US-Konzerne und europäische Unternehmen in diesen Tagen veröffentlichen. "Obwohl die Analysten ihre Erwartungen schon im Vorfeld senkten, gab es noch viele negative Überraschungen", sagt Funnell.

Übertroffene Erwartungen allein reichen nicht

Selbst wenn ein Unternehmen die Analystenschätzungen knapp übertrifft, muss dies nicht viel heißen, sagt Robert Crenian von der Dresdner-Investmenttochter Kleinwort Wasserstein. Denn häufig informierten Vorstände die Analysten gezielt so, dass sie deren reduzierte Erwartungen überspringen können. "Es beeindruckt mich wenig, wenn etwa Intel erst die Prognosen nach unten schleust, und sie dann um einen Cent übertrifft", meint Crenian. Investoren sollten bei solchen Nachrichten nicht wieder in Technologie-Aktien einsteigen, raten Deutsche Bank, Morgan Stanley und Dresdner einhellig. Genau das haben jedoch zuletzt manche Anleger getan - und für eine Mini-Rally bei Tech-Titeln gesorgt. "Viele Leute stehen auf der Kippe. Sie wollen gerne kaufen und suchen Argumente dafür", sagt Crenian.

Einig sind sich die Bankstrategen auch darin, dass die Gewinnerwartungen für das nächste Jahr unrealistisch hoch sind. "Das liegt daran, dass viele Analysten ihre Prognosen für dieses Jahr stark gesenkt haben, für 2002 aber nur ein bisschen", sagt Dresdner-Stratege Crenian. Wenn die Unternehmen in diesem Jahr weniger verdienen, müssen sie im kommenden Jahr enorm zulegen, um die Erwartungen zu erfüllen.

Hoher Ertragseinbruch in IT-Branche erwartet

Besonders krass fällt dies in der Informationstechnologie-Branche (IT-Hardware) auf: Nach Berechnungen von Dresdner Kleinwort Wasserstein erwarten die Analysten dort für dieses Jahr einen Ertragseinbruch um 62 %. Im nächsten Jahr müssten die Computer- und Chiphersteller indes ihre Gewinne um mehr als 80 % steigern, um die gegenwärtigen Schätzungen einzuhalten. "Damit ist Informationstechnologie die Branche mit dem größten Analysten-Pessimismus für dieses Jahr und mit dem größten Optimismus für nächstes Jahr", betont Morgan-Stanley - Stratege Funnell. Dieses Szenario sei jedoch unrealistisch. Einen Rückgang der Gewinnschätzungen hält Funnell für unvermeidlich - mit möglichen Nebenwirkungen für die Kurse.

Für die durchschnittliche Ertragsentwicklung aller Unternehmen liegen die Schätzungen für dieses Jahr inzwischen knapp unter Null. Für 2002 erwarten die Analysten hingegen einen kräftigen Gewinnsprung um mehr als 15 %. Deutsche-Bank-Experte Barty hält diese Ziffer für zu hoch.

Immerhin: Die Gewinnschätzungen für dieses Jahr dürften nach Einschätzung der Commerzbank ein realistisches Niveau erreicht haben. "Solange die Wirtschaft nicht weltweit einbricht, dürften das Schlimmste hinter uns liegen", heißt es in einem Marktausblick. Die Commerzbank-Strategen zählen, zusammen mit Salomon Smith Barney, zu den optimistischsten Häusern. Sie halten europäische Aktien derzeit für deutlich unterbewertet.

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