Experten des US-Vermögensverwalters Scudder Kemper raten zu einem Investment in verschiedenste Tech-Titel – Europa übergewichten
Tech-Aktien: Verlockende, überraschende Internet-Welt

Weil die Aktien vieler Internet-Anbieter in den vergangenen Monaten in den Keller gestürzt sind, liegt es nahe, mitunter die ganze Idee der Web-gestützen New Economy zu verwerfen. Solche Aufs und Abs an der Börse sind zu Beginn weltverändern- der Trends nach Ansicht von Experten aber nicht ungewöhnlich.

BERLIN. Anleger wissen längst, dass nicht alle Aktien attraktiv sind, die der neue High-Tech-Boom via Internet hervorbringt. Doch Zweifel daran, ob das Internet überhaupt einer dieser Trends ist, die die Welt nach vorn bringt wie die Erfindung der Eisenbahn oder des Radios gewesen sind, braucht man nach Auffassung von Phil Fortuna nicht zu haben. Für den Managing Director beim US-Vermögensverwalter Scudder Kemper Investments steht fest: "Das Internet ist der Muskel der New Economy." Das World Wide Web verändere die Welt, soviel stehe fest. Doch bedeute das nicht, dass Anleger mit Aktien von Anbietern dieser revolutionierenden Technik ad hoc reich würden. Vielmehr seien die jüngsten schmerzhaften Erfahrungen mit Tech-Aktien typisch für den Beginn einer neuen Ära.

Auf einem Kongress in Berlin vergleicht er den Internet-Boom mit den Anfängen der Eisenbahn in Großbritannien. Auf den steilen Aufstieg britischer Eisenbahnaktien bis zum Jahr 1845 folgte der jähe Fall: Bis 1850 verloren die Aktien 85 % an Wert von ihren Spitzenkursen. Der Gesamtwert aller Eisenbahn-Aktien betrug weniger als die Hälfte des Kapitals, dass für den Bau Schienen investiert wurde. Fünf Jahre später aber profitierte die Wirtschaft der Insel immens vom damals größten Schienennetz der Welt. Manche Aktienkurse erholten sich, andere nicht. Tech-Spezialist Fortuna zitiert zur Erklärung den US-Ökonomen Charles Kindleberger: "Neue Technologien bergen unsichere Geschäftsmodelle und Firmen-Bewertungen. Bis diese nicht entwickelt sind, handeln die Aktien auf einem Preis-Traum-Niveau statt auf Basis traditioneller Bewertungsansätze."

Weil auch US-Banken die Chancen auf Profitsteigerung mancher New Economy-Firmen zu optimistisch eingeschätzt hätten, drohe manchen Firmen in den USA nun ein Kreditengpass (credit crunchs), ergänzt Maureen F. Allyn, Managing Director der Global Equity Group bei Scudder Kemper Investments, am Rande des Kongresses gegenüber dem Handelsblatt. "Die Profite der Firmen sind so stark gestiegen wie nie zuvor, kalkuliert worden ist aber das doppelte", beklagt sie. "Die Firmen bekamen, was sie wollten." Nach den Erschütterungen am Aktienmarkt drehten Banken bestimmten Telekom -, Internet-Portalanbieter oder andere "Nicht-Ausrüster" nun den Kredithahn zu.

Allyn sieht trotz der hohen Verschuldung des Landes von über 2 Bill. $ allerdings keinesfalls die gesamte Wirtschaft am Rande eines credit crunchs. Kredite an Kosumenten und an den Immobiliensektor bleiben ausgenommen, meint sie. Selbst ein - unwahrscheinlicher - Crash an Wall Street dürfte die Verbraucher auch nicht dazu bringen, ihren Konsum stark zu verringern. Die Gefahr eines Hardlanding der US-Wirtschaft schätzt die Analystin daher auch als eher gering ein. Von der US-Geld- und-Fiskalpolitik könnten unterstützende Maßnahmen folgen.

Wie können Anleger nun von der neuen Internet-Welt und der aktuellen Aktienmarktsituation profitieren? Für Aktienspezialisten Fortuna gibt es drei Regeln für Investments in der New Economy: Erstens sollten Anleger sich einen breiten Strauß an Aktien mit Internetbezug zusammenstellen, riet er. "Denn die jeweils besten Firmen findet man ohnehin nicht." Zweitens verdienten Anbieter von Infrastruktur in der Regel am meisten. Drittens gehörten etablierte Firmen ins Portfolio, die sich den Neuerungen anpassen könnten und davon profitierten, sagte der Experte des nach eigener Aussage mit über 370 Mrd. $ unter Verwaltung zehntgrößten Asset Manager der Welt. Für Allyn sind nach wie vor viele Tech-Titel teuer: "Keiner sollte aberwitzige Preise bezahlen", lautet ihr Rat. Die Aktienstrategin hält ferner noch weiter neun schwache Börsenmonate für möglich. Daher machten defensive Strategien mit defensiven Aktien, Anleihen (auch Corporates) und Cash weiterhin Sinn. Allerdings sei es nicht zu früh, sich nach günstigen Aktien umzuschauen, zumal "man den niedrigsten Kurs nie erwischt."

Sie empfahl ferner, europäische Aktien überzugewichten. Der Markt habe Potenzial, zumal sich die Wirtschaft umstrukturiere und erhole. Es sei an der Zeit, dass sich die Europa vom US-Zyklus abkoppelle, meinte sie: Die hohe Korrelation zwischen den Aktienmärkten nehme in den kommenden fünf Jahren ab. Auslöser für eine Europa-Rally könnte ihrer Ansicht eine Erholung des Euros sein. Die 80er Jahre gehörten Japan, die 90er den USA, resümierte Allyn: "Das kommende Jahrzehnt könnte das Europas werden."

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