Experten empfehlen defensive Werte – Für Zykliker ist es noch zu früh
Analysten erwarten steigende Kurse in Europa

Krisen und Kriegsangst werden auch in den nächsten Wochen auf den Börsen lasten - da sind sich Analysten derzeit einig. Auf mittlere Sicht spricht ihrer Meinung aber einiges für eine Erholung, etwa nachlassender Verkaufsdruck der Fonds und eine zu niedrige Bewertung in Europa. Bei US-Titeln wird Zurückhaltung empfohlen.

ZÜRICH/FRANKFURT/M. Die Börsianer waren angespannt. Vor dem Jahrestag des Terroranschlags auf New York und Washington hatten vor allem US-Fonds Wertpapiere verkauft. Je länger am 11. September die Nachrichten von befürchteten neuen Attacken ausblieben, desto mehr machte sich Erleichterung breit.

Die Analysten sind sich gleichwohl einig: Kurzfristig dürfte der Markt schwankungsanfällig bleiben. Politische und ökonomische Ereignisse wie etwa ein Irak-Krieg, eine Zuspitzung im Nahen Osten oder die Ausweitung der Lateinamerika-Krise könnten für weitere Schockwellen an den Börsen sorgen, betonen etwa Burkhard P. Varnholt von der Credit Suisse und Janwillem Acket von Julius Bär. Die Analysten sind zwar optimistisch, dass anders als in den dreißiger Jahren die Fiskal- und Geldpolitik dafür sorgen dürfte, dass ein Rückfall in eine tiefe Rezession verhindert werden kann. Doch eine Rückkehr zu den Haussemärkten der achtziger und neunziger Jahre sei - zumindest in den nächsten beiden Jahren - nicht zu erwarten. Und der Tiefpunkt an den Aktienmärkten sei noch nicht erreicht, fürchten die Analysten, auch wenn der größte Teil des Abschwungs bereits vorüber sei.

Die vorsichtigen Schweizer bestätigen zwar, dass die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) vieler Aktien in der Baisse deutlich gesunken seien, so dass die Titel heute nicht mehr zu teuer seien. Jedoch seien die Titel vielfach noch nicht so billig, dass die Investoren nun zugreifen müssten. Einige Analysten sind allerdings anderer Meinung: So sind Rolf Elgeti, Stratege bei Commerzbank Securities in London, Hypovereinsbanker Tammo Greetfeld und Kay Tönnes von Metzler Asset Management überzeugt, jetzt sei ein günstiger Zeitpunkt zum Einstieg - und zwar in europäische Titel. Elgeti weist darauf hin, dass die Aktien in Europa derzeit niedriger bewertet seien als in den USA. Bezogen auf den Dow Jones Stoxx 600 mit Sicht auf die nächsten zwölf Monate liege das KGV bei 15, bezogen auf den S&P 500 bei 18. Daher hätten die europäischen Titel ein höheres Erholungspotenzial.

Für eine Erholung an den Aktienmärkten spricht Elgeti zufolge auch, dass kein Verkaufsdruck mehr durch Fonds aus den USA zu erwarten sei. Diese Fonds hätten zum einen aus Angst vor neuen Attacken am 11. September verkauft, zum anderen aus steuerlichen Gründen. Denn den September, den letzten Monat ihres Geschäftsjahres, nutzten sie in der Regel, um verlustbringende Aktien abzustoßen; diese realisierten Verluste könnten mit Gewinnen gegengerechnet werden und schmälerten dann die Steuerlast der Fonds. Ein Großteil dieser Verkäufe sei - wiederum wegen des Jahrestags des Anschlags - vorgezogen worden. Elgeti ist der Ansicht, dass sich mittlerweile bei Anlegern "einiges an Liquidität aufgestaut hat", was auf den Markt drängt. Dazu kommt: Der Commerzbanker rechnet - ebensowenig wie seine Schweizer Kollegen - mit einer Deflation, daher seien Bonds weiterhin weniger interessant als Aktien.

Greetfeld, der gleichfalls für eine Übergewichtung europäischer Titel plädiert und bei US-Titeln ebenso wie Elgeti eher vorsichtig ist, führt als weiteres Argument ins Feld, dass Euroland nicht so gebeutelt von Bilanzsskandalen sei wie die Unternehmen in Übersee. Er sieht den Dax auf Sicht von sechs Monaten bei 4500 Punkten. Elgeti rechnet bis zum Jahresende mit 4050 Punkten. Der Commerzbanker betont zudem, Private sollten schon deswegen in Europa stark investiert sein, um Währungsrisiken zu vermeiden.

Schleppende Konjunktur-Erholung

Einig sind sich die Analysten auch, was die Konjunkturerholung anbelangt: Die wird ihrer Meinung nach nur schleppend vorankommen, daher sei es für zyklische Aktien noch zu früh. Elgeti rät zu Banken und Versicherern, da die Aktien nicht so stark von der Konjunktur abhingen, aber von einer leichten Erholung an der Börse profitieren dürften.

Julius Bär empfiehlt die Übergwichtung von konjunkturunabhängigen Nahrungs- und Pharmawerten wie etwa Nestlé oder Novartis. Eine Depotbeimischung von Gold oder Goldaktien halten sowohl die Analysten von Julius Bär als auch von Credit Suisse für sinnvoll. Credit Suisse setzt in diesem Umfeld generell auf defensive Aktien. Bei diesen Titeln plädiert die Schweizer Großbank etwa für Versorger, die nachhaltig eine höhere Dividendenrendite als Staatsanleihen bieten. Völlig falsch sei in den nächsten Jahren übrigens die Strategie "Kaufen und Halten". In dem erwarteten volatilen Umfeld komme dem Trading eine große Bedeutung zu, um eine Mindestrendite zu erwirtschaften. Die Zeit zweistelliger Jahresrenditen sei auf lange Zeit vorbei - davon sind beide Schweizer Banken überzeugt.

Wer die hohen Renditen von Unternehmensanleihen, die über der von Aktien liegen dürften, nutzen wolle, sollte eine sorgfältige Analyse vornehmen, ist die Meinung von Varnholt. Da dies Privatanlegern fast nicht möglich ist, seien Fonds eine Alternative. Gute Aussichten böten derzeit auch Fonds, die sowohl Long- wie Short-Positionen eingehen. Eine Alternative sei der Verkauf von Kaufoptionen.

Auch für börsenscheue Anleger hält Credit Suisse einen Tipp parat: Immobilien in den USA und Europa - eine Ausnahme stellten dabei New York und London dar. Allerdings sollten sie im Portfolio trotzdem nicht zu stark gewichtet werden.

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