Experten empfehlen solide Werte aus dem Dax und der zweiten Reihe
Anleger lieben saubere Bilanzen

Die jüngsten Kursanstiege an den Börsen können nicht darüber hinwegtäuschen: Unternehmen, die in Verdacht geraten, ihre Bilanzen frisiert zu haben, werden gnadenlos abgestraft. Die Anleger haben sich mit Enronitis infiziert - der Angst vor weiteren Bilanzskandalen nach dem spektakulären Zusammenbruch des gleichnamigen Energieriesens aus den USA.

FRANKFURT/M. Honoriert werden hingegen zunehmend klare Bilanzen der Unternehmen. "Wir haben zwar schon immer auf Bilanzierung und Verschuldung geachtet - aber jetzt gucken wir noch ein zweites Mal hin", bestätigt Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment, diesen Trend.

"Derzeit wird aber überall eine Leiche vermutet, auch da, wo nicht einmal ein Keller ist", weist allerdings Rolf Elgeti, Aktienstratege bei der Commerzbank in London, auf drohende Übertreibungen hin. Anlegern rät der Stratege, die Bilanz-Panik an den Märkten auszunutzen, um in seiner Meinung nach solide Restrukturierungskandidaten wie MAN (Wertpapierkennnummer 593700), Linde (WKN 648300), Kolbenschmidt (WKN 703790) oder WCM (WKN 780100) zu investieren. Eine saubere Bilanz allein sei allerdings noch kein Kaufargument. Investoren sollten zusätzlich vom Geschäftsmodell des Unternehmens oder dessen Aussichten überzeugt sein.

Aufpassen müssten Anleger dagegen bei Unternehmen, die ihr Wachstum mit Fremdkapital finanzieren und dadurch Schulden angehäuft hätten, warnt Elgeti.

Eine schlechte Anlegerwahl sind auch Unternehmen, die tatsächlich Probleme mit ihren Bilanzen bekommen können. Zum Beispiel Medien-, Telekomunternehmen und Netzwerkausrüster hätten in den 90-er Jahren ihre eigenen, oft überbewerteten Aktien als Akquisitionswährung eingesetzt, erklärt Ingo Wermann, Aktienanalyst bei der DZ Bank. Es seien Kaufpreise bezahlt worden, die zum Teil um ein Vielfaches höher waren als das bilanzierte Eigenkapital der übernommenen Gesellschaft. Die dadurch aufgeblasenen Bilanzen würden jetzt zum Problem, die einstigen Wachstumsziele kritischer hinterfragt, sagt Wermann.

"Kurz- bis mittelfristige Modeerscheinung"

Stefan Rausch von der Helaba hat in einer aktuellen Studie gesunde Bilanzen vor allem bei Öl-, Nahrungsmittel- und Pharmawerten ausgemacht. Vor diesem Hintergrund empfiehlt er die Aktien von Roche (WKN 851311) und Schering (WKN 717200). Analyst Michael Jaeniche von SEB-Research nennt ebenfalls die Titel von Schering und zusätzlich von RWE (703712) als Beispiele für solide finanzierte Unternehmen mit stabiler Gewinnentwicklung im Deutschen Aktienindex (Dax). Aus der zweiten Reihe gefallen ihm Buderus (WKN 527800), Hannover Rück (WKN 840221), Kali + Salz (716200), Stada (WKN 725180) und Altana (WKN 760080).

Insgesamt sei der besondere Blick auf die Bilanzen eine kurz- bis mittelfristige Modeerscheinung, glaubt Jaeniche. Allerdings hätten Bilanzen in der klassischen Finanzanalyse schon immer eine Rolle gespielt.

Grundsätzlich sollten Anleger auf die Cash-Bestände, die Kreditlinien und die Eigenkapitalquote eines Unternehmens achten, empfiehlt Wermann. Informationen darüber erhalten Aktionäre durch einen Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung, die Bilanz und die Kapitalflussrechnung, die jedes Unternehmen in seinem Geschäftsbericht veröffentlicht. Dieser wiederum lässt sich auf den Homepages größerer Unternehmen einsehen oder direkt über die Unternehmen beziehen. Wichtig ist laut Wermann auch, welcher Teil des Ergebniszuwachses operativ und welcher buchhalterisch begründet ist.

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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