Experten erwarten gutes Abschneiden der Konsum- und Technologiewerte von Seoul bis Singapur
Asiatische Aktien: Keine Angst vor der Japan-Grippe

Noch immer hat die Entwicklung an Japans Börse Auswirkungen auf die Aktienmärkte der ganzen Region. Doch die Gefahr, sich mit der Japan-Grippe anzustecken, lässt nach. Die asiatischen Märkte hängen viel stärker von der Entwicklung in den USA ab. Asien-Experten wittern langfristig gute Chancen für Anleger.

HONGKONG. Neben einer wackligen US-Konjunktur müssen Asiens Aktienmärkte seit vergangener Woche auch noch schlechte Nachrichten aus Japan verdauen. Im Gebälk des dortigen Banksystems knirscht es gewaltig, Japans zarter Wirtschaftsaufschwung ist gefährdet. Der Fall des Nikkei-Index auf ein 18-Jahres-Tief vergangene Woche hat die Börsen in den Nachbarländern belastet. Doch ob die Kurse in Asien dauerhaft steigen oder fallen, darüber entscheiden Amerikas Verbraucher, der Ölpreis und die Inlandsnachfrage.

"Asien hat sich von Japan seit langem abgekoppelt," sagt Nomura-Stratege Sean Darby. Er sieht keine Gefahr, dass sich die Börsen der Region mit einer Japan-Grippe anstecken könnten: "Hier hat sich niemand Hoffnung auf Japan gemacht, da kann auch kein Vertrauen zerstört werden," sagt Darby. Japans Banken haben sich in den vergangenen Jahren fast völlig aus Asien zurückgezogen und können kaum noch Kredite einfordern; japanische Unternehmen hingegen zwingt die Krise zu Hause immer stärker zur Verlagerung der Produktion in die Nachbarländer.

Über Wohl und Wehe der Region wird jenseits des Pazifiks entschieden: "Wenn wir mit Kunden über asiatische Aktien sprechen, geht die Hälfte der Zeit mit der US-Konjunktur drauf," stöhnt Ajay Kapur, Aktienstratege bei Salomon Smith Barney. Denn ein Großteil der Konsumgüter, die Amerikaner kaufen, stammen aus Fernost, die USA sind der größte Export-Kunde Asiens. Es war das deutliche Anschwellen der Ausfuhren dorthin, das die Region in der ersten Jahreshälfte aus der Rezession gezogen hat. Doch nun lasten Zweifel an Stärke und Dauer des US-Aufschwungs auf den Märkten von Seoul bis Singapur.

"Die Wirtschaftslage in den USA hat sich verschlechtert," sagt ABN Amros Chefvolkswirt für Asien, Eddie Wong. "Asiens Börsen dürften in der zweiten Jahreshälfte wacklig bleiben." Wong rät deshalb zu einer defensiven Portfolio-Ausrichtung, sieht langfristig jedoch weiter gute Anlage-Chancen. ""Sowohl beim Wirtschaftswachstum als auch bei den Aktienkursen wird Asien der Rest der Welt weiterhin abhängen," ist Wong sicher. Der Asien-Stratege der Crédit Lyonnais-Tochter CLSA, Christopher Wood, stößt in dasselbe Horn: "Asien bleibt die beste Fundamental-Story im weltweiten Aktien-Universum," sagt er.

Der Grund für ihren Optimismus: Unternehmen und Regierungen in Fernost haben in den vergangenen fünf Jahren deutliche Fortschritte bei den Restrukturierungsanstrengungen gemacht. Das macht sie fitter für den internationalen Wettbewerb. Im Vergleich zum Vorjahr sind Asiens Exporte in die USA in der ersten Jahreshälfte um 2,3 Prozent gewachsen. Insgesamt gingen die Einfuhren der Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum um 5,7 Prozent zurück. Asien vergrößert nicht nur seinen Anteil an den Weltmärkten, sondern profitiert auch von unverminderten Trend zum Outsourcing.

Und während Unternehmensgewinne weltweit nach unten korrigiert werden, werden sie in Thailand, China und Malaysia gerade nach oben berichtigt. Außerdem schwimmt die Region in Liquidität: Die Zinsen sind auf einem historisch niedrigen Stand, und überschüssige Ersparnisse wachsen rasant. Eine Reihe von Ländern profitiert zudem von einer anziehenden Inlandsnachfrage. "Südkorea, Malaysia, Thailand und China sichert das gegen Export-Schwächen ab," sagt Ray Jovanovich von Crédit Agricole Asset Management. Wie viele Fondsmanager gewichtet er Konsumwerte aus diesen Ländern deutlich über.

Blind sollten Anleger Asiens Verbrauchern aber nicht vertrauen. "Lassen die Ausfuhren stärker nach als erwartet, dämpft das spätestens nächstes Jahr die Inlandsnachfrage," warnt Nomura-Stratege Darby. Er erwartetet negative Überraschungen aus den USA. Doch diese lassen sich ihm zufolge mit asiatischen Aktien gut abwettern: Dividendenrenditen von sieben Prozent sind in Fernost keine Seltenheit. Deshalb empfiehlt Darby die Hang Seng und die Liu Chong Hing Bank sowie Wharf in Hongkong, Delgro in Singapur und BAT Industries oder Amway in Malaysia.

Nicht alle sind so pessimistisch. "Die Bewertungen sind sehr attraktiv," meint der Salomon-Stratege Kapur; dazu steige die Liquidität, und die US-Konjunktur wachse zufrieden stellend. Er traut sich sogar, Technologie-Werte deutlich überzugewichten, am besten gefallen ihm Hardware-Hersteller wie Taiwans Hon Hai Precision. "Das KGV asiatischer IT-Aktien liegt unter dem von Banken," sagt Kapur, "dabei verbessern sich die Rahmenbedingungen der Branche schneller als die der Gesamtwirtschaft."

Doch ob ihre Hoffnungen auf den Vereinigten Staaten beruhen, auf Dividenden oder Inlandsnachfrage: Eine schwer kalkulierbare Sorge eint derzeit alle Asien-Bullen. Sie fürchten, ein Krieg gegen den Irak könne den Ölpreis in die Höhe treiben. "Asien ist die Region der Welt, die darunter mit Abstand am stärksten zu leiden hätte," sagt CLSA-Stratege Wood. Zur Portfolio-Absicherung rät er, chinesische Ölwerte wie CNOOC oder Petrochina überzugewichten.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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