Experten erwarten im neuen Jahr weltweit rückläufige Absatzzahlen: Gute Jahre in der Autoindustrie sind vorüber

Experten erwarten im neuen Jahr weltweit rückläufige Absatzzahlen
Gute Jahre in der Autoindustrie sind vorüber

Zum ersten Mal muss sich die Automobilindustrie wieder auf magere Zeiten einstellen. Die kommenden zwölf Monate werden für die Branche zu einer Herausforderung. Besonders ungünstig sind die Vorzeichen in den USA. Das hat auch Folgen für den deutschen Markt.

DÜSSELDORF. Im neuen Jahr brauchen die Automobilmanager Geduld: Sie müssen die gegenwärtige Krise durchstehen und auf die Belebung im Jahr 2003 hoffen. Niemand zweifelt daran, dass der Automobilabsatz im nächsten Jahr weltweit zurückgehen wird. "Frühestens im Herbst/Winter 2002 rechnen wir mit einer Trendwende", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Das britische Marktforschungsunternehmen DRI-Wefa schätzt, dass der weltweite Absatz von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen im nächsten Jahr um 3,8 % auf 53,2 Millionen Fahrzeuge schrumpfen wird. Ältere Automobilmanager erinnern sich an die frühen 90er-Jahre. Auch damals musste sich die Branche mit fallenden Absatzzahlen auseinandersetzen. Die deutschen Hersteller hatten mit großen Problemen zu kämpfen, der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche stand sogar vor der Pleite.

Die jetztige Flaute wollen die Automobilhersteller auf jeden Fall besser bewältigen als die Krise vor zehn Jahren. Einiges spricht auch dafür, dass es glimpflicher ausgeht. So profitiert die Branche vom Rückgang der Rohölpreise. "Das gibt den Notenbanken mehr Spielraum in ihrer Geldpolitik, reduziert die Materialkosten im Einkauf und gibt den Konsumenten mehr Kaufkraft", erläutern die Automobilfachleute von DRI-Wefa. Ein anderer, nicht zu unterschätzender Vorteil seien die niedrigen Zinsen.

Ungünstig wirkt sich dagegen aus, dass die drei wichtigsten Automobilmärkte der Welt mehr oder weniger im Gleichklang marschieren. Sowohl in Nordamerika, Japan als auch in Westeuropa wird 2002 mit einem rückläufigem Absatz gerechnet.

Am schlechtesten sind die Vorzeichen in den USA. Weil die Rezession schon länger andauert, müssen sich die Autohersteller auf die größten Rückgänge einstellen. Die Fachhochschule Gelsenkirchen rechnet damit, dass der Verkauf von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen in den USA 2002 um 7 % auf 15,9 Millionen zurückgeht. Seit dem 11. September haben die US-Hersteller besondere Programme zur Fahrzeugfinanzierung mit null Prozent Verzinsung aufgelegt, um den terrorbedingten Nachfrageschock auszugleichen. Das ist weitgehend gelungen - aber mit der Folge, dass viele erst für 2002 geplante Käufe vorgezogen wurden.

Die zugespitzte Lage in den USA bereitet nicht nur den US-Konzernen General Motors (GM), Ford und Chrysler Probleme. "Auch die deutschen Hersteller werden sich dem schwierigen Umfeld nicht entziehen können", ist Automobilprofessor Dudenhöffer überzeugt. Schwierig werde es deshalb auch für die deutschen Automobilzulieferer.

Nicht ganz so stark wie in den USA wird der Absatzrückgang in Westeuropa und in Japan ausfallen. DRI-Wefa geht davon aus, dass die europäischen Hersteller auf ihren Heimatmärkten ein Minus von 5 % hinnehmen müssen. In Japan wird ein Rückgang von 2 % erwartet.

In Deutschland wird die Zahl der Pkw-Zulassungen im dritten Jahr in Folge zurückgehen. Die meisten Branchenexperten gehen davon aus, dass zwischen 3,2 und 3,3 Millionen neue Pkw abgesetzt werden. Das wäre ein Minus von rund 2 %.

Die europäischen Automobilhändler werden die Absatzprognosen für 2002 mit Argwohn betrachten. Denn sie stehen noch vor einem zusätzlichen Problem: Im September nächsten Jahres läuft innerhalb der EU die so genannte Gruppenfreistellungs-Verordnung (GVO) aus. Die erlaubt es den Autoherstellern bisher, ganz allein zu entscheiden, über welche Händler sie ihre Fahrzeuge vertreiben. Außerdem legen sie fest, wie viele Händler es in ihrer Verkaufsorganisation geben soll. Dadurch hat jeder Handelsbetrieb bislang so etwas wie ein Monopol in seiner Region.

Die Händler hoffen nun darauf, dass EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti die GVO und damit die exklusiven Händlernetze nicht komplett streichen wird. Sie haben Milliarden in Ausstellungshallen und Werkstätten investiert - ausgestattet mit ihrem regionalen Gebietsmonopol. Fällt dieses Monopol, rechnet sich auch das Investment nicht mehr. Bei den deutschen Autohändlern ist die Investitionsneigung im Jahr 2001 eingebrochen, berichtet der Händlerverband ZDK. Hauptgeschäftsführer Jürgen Creutzig schätzt, "dass sich die Investitionssumme auf gut 600 Millionen Euro halbiert hat." Wettbewerbsrechtler Jürgen Ensthaler, GVO-Experte an der Universität Kaiserslautern, macht den Händlern aber Mut. Er will in Brüssel gehört haben, "dass die GVO womöglich nochmals um fünf Jahre verlängert wird."

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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