Experten erwarten keinen Zinsanstieg
Euro-Kurs heute niedriger

Der Kurs des Euro ist heute gefallen. Unterdessen rechnen Beobachter nicht mit einer kurzfristigen Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank.

Reuters/dpa FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte heute den Referenzkurs bei 0,9913 (Freitag: 0,9975) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0088 (1,0025) Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6469 (0,6498) britische Pfund, 118,72 (118,20) japanische Yen und 1,4699 (1,4721) Schweizer Franken fest.

Wegen der Vertrauenskrise an den Aktienmärkten und den Kursgewinnen des Euro wird die Europäische Zentralbank bei ihrer Ratssitzung am Donnerstag die Leitzinsen in der Euro-Zone wohl noch nicht erhöhen. Die Notenbank wird aber nach Ansicht von Volkswirten ab September ihre Geldpolitik straffen müssen, wenn die wirtschaftliche Erholung im Herbst Fahrt aufnimmt und somit das Risiko eines Inflationsanstiegs wächst.

"Die EZB wird frühestens im Herbst die Zinsen erhöhen. Das hängt natürlich von der Kursentwicklung des Euro ab - sein Anstieg nimmt etwas Druck von der EZB", sagte Manuela Preuschl von der Deutschen Bank. Eine Zinserhöhung in dieser Woche hält die Expertin wie die meisten Volkswirte für ausgeschlossen: "Wir haben eine schwelende Vertrauenskrise an den Finanzmärkten. Da ist Abwarten angesagt." Zudem braucht die Notenbank nach Ansicht der Experten noch handfeste Beweise für den konjunkturellen Aufschwung, bevor sie die Zinsschraube anzieht und somit die Wirtschaft wieder etwas abbremst. Das hohe Wachstum der Geldmenge M3 sollte ihr auch noch kein Kopfzerbrechen bereiten.

Der EZB-Rat wird am Donnerstag auf seiner auswärtigen Sitzung in Luxemburg über das Zinsniveau in der Euro-Zone beraten und die Entscheidung gegen 13.45 Uhr MESZ bekannt geben. Notenbankpräsident Wim Duisenberg wird den Beschluss ab 14.30 Uhr MESZ vor der Presse erläutern.

Mittelfristig weiter Preisdruck

Bei einer Reuters-Umfrage rechneten 52 von 57 Volkswirten in der vergangenen Woche mit unveränderten Leitzinsen am Donnerstag. 30 Volkswirte erwarteten eine Leitzinserhöhung im September, 18 sogar erst im vierten Quartal. Viele Analysten hatten in ihren Prognosen den Zeitpunkt der Zinserhöhung wegen des Euro-Anstiegs auf inzwischen fast einen Dollar verschoben. Legt der Euro gegen andere Währungen zu, werden Importe billiger und dämpfen so die Inflation.

Allerdings kann sich die EZB nach Ansicht von Julian von Landesberger von der Hypovereinsbank nicht längerfristig auf den Euro-Anstieg allein verlassen, um die Jahresinflation gemäß ihres Mandats unter zwei Prozent zu halten. "Die Euro-Aufwertung reduziert den Preisdruck zwar schneller als eine Zinserhöhung. Mittelfristig geht der Preisdruck aber weiter, weil die Preise für Dienstleistungen und die Löhne zu schnell steigen", sagte von Landesberger, der im September oder spätestens im Oktober mit einer Zinserhöhung rechnet.

Weil die EZB ihr eigenes Inflationsziel schon so lange verfehlt hat, wird sie nach von Landesbergers Einschätzung in den kommenden Monaten unter Zugzwang kommen. "Das Problem der EZB ist, dass ihr Track Record nicht so glücklich ist. Deshalb muss sie ihre Geldpolitik bald straffen, um ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen", sagte von Landesberger.

Die letzten Inflationsdaten aus Brüssel dürften daher im Frankfurter EZB-Turm für Aufatmen gesorgt haben. Im Juni waren die Verbraucherpreise in der Euro-Zone nach vorläufigen Berechnungen nur um 1,7 Prozent gestiegen, nach 2,0 Prozent im Mai. Damit lag die Teuerung erstmals seit gut zwei Jahren unter der EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent. "Da ist der akute Handlungsbedarf etwas gesunken", sagte von Landesberger. Allerdings beruhte der Rückgang vor allem auf dem statistischen Effekt hoher Preissteigerungen vor einem Jahr und wird sich daher nach Ansicht von Analysten nicht als dauerhaft erweisen.

Ein wichtiges Argument für die EZB, mit einer Zinserhöhung weiter abzuwarten, sollte nach Ansicht der Analysten die Unsicherheit über die Konjunkturerholung sein. "Die Stimmungsindikatoren sind zwar insgesamt zufrieden stellend, aber es fehlt noch immer der Beweis, dass die Produktion und das Wachstum wirklich anziehen", sagte Preuschl. Die EZB erwartet bis zum Jahresende einen Anstieg der Jahreswachstumsrate auf mehr als zwei Prozent.

Das überraschend schnelle Wachstum der Geldmenge M3 dürfte die EZB nach Einschätzung der Experten ebenfalls nicht davon abhalten, die Zinsen noch bis nach der Sommerpause unverändert zu lassen. "Wenn man sich den Vertrauensverlust am Aktienmarkt ansieht, weiß man schon, woher der M3-Anstieg kommt", sagte Preuschl. Im Jahresvergleich wuchs die für die Zinspolitik wichtige Geldmenge im Mai überraschend deutlich um 7,8 Prozent nach 7,4 Prozent im April. M3 ist seit vielen Monaten schon künstlich aufgebläht, weil die Anleger Kapital in kurzfristigen festverzinslichen Anleihen halten, statt es an den schwachen Aktienmärkten zu investieren.

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