Experten erwarten Konsolidierung der Branche
Lebensversicherer unter Druck

Die andauernde Niedrigzinsphase macht den Lebensversicherern zu schaffen und beschleunigt den Konsolidierungsprozess, meinen Vorstandsmitglieder. Kleine Anbieter müssen sich stärker fokussieren.

DÜSSELDORF/STUTTGART. Der deutsche Lebensversicherungsmarkt steht unter Konsolidierungsdruck, sagen Branchenexperten. Drei Ursachen dafür nennt Götz Wricke, Vorstandsvorsitzender bei der Hamburg-Mannheimer: die schwache Kapitalmarktentwicklung, hohe Kosten für Informationstechnologie sowie das Riester-Geschäft.

So haben die historischen Tiefstände bei der Verzinsung festverzinsliche Papiere quer Beet alle Versicherer getroffen. Die schwache Entwicklung an den Aktienmärkten traf die Anbieter dagegen unterschiedlich hart. "Unter ihr leiden die Gesellschaften, die erst spät in Aktien investiert haben", sagt Reiner Will, Geschäftsführender Gesellschafter der Versicherungs-Ratingagentur Assekurata. Sollte die Seitwärtsbewegung an den Börsen anhalten, würde der Druck auf die Versicherungen steigen, die Überschussbeteiligung ihrer Kunden weiter zu senken. Bereits für das Jahr 2002 hatten fast alle der 120 Lebensversicherer in Deutschland ihre Überschussbeteiligung deutlich abgesenkt. Viele mussten zudem ihre Reserven anzapfen, um eine angemessene Rendite zu halten.

Vor diesem Hintergrund sieht Maximilian Zimmerer, Finanzvorstand beim Branchenprimus Allianz Leben, eine Spreitzung im Markt. Mittelfristig rechnet auch er mit einer Verringerung der Anbieterzahl. Unter Druck sieht er besonders kleinere Gesellschaften und Direktversicherer. "Sie sind in Zeiten hoher Zinsen mit Pfandbriefen gut gefahren. Doch fehlen ihnen Kompetenz, Leute und Reserven, um komplexere Kapitalanlagen wie Aktien oder Firmenbeteiligungen gut zu managen." Versicherer, die diese Instrumente nicht beherrschten, könnten mit Standardanlagen auf absehbare Zeit keine Kunden locken. Er sieht zudem Versicherer mit hohen Reserven im Vorteil - wie die Allianz. Das sieht auch Assekurata-Geschäftsführer Will so: Grundsätzlich könnten Anbieter mit hohen Buchreserven (Differenz zwischen Ankaufskurs einer Anlage zum Marktwert) sich mehr Risiko erlauben, sprich, eine höhere Aktienquote fahren und so von einem Aufschwung der Aktienmärkte profitieren.

Veränderungsdruck geht auch vom aktuellen Topthema der Branche - der Riester-Rente - aus. Hier dominieren die führenden Anbieter. Egal ob private oder betriebliche Angebote, Allianz, Ergo und AMB verkaufen die meisten Policen. Alle drei Versicherungsgruppen kommen auf höhere Marktanteile als im klassischen Lebensversicherungsgeschäft. Auch hier sieht Zimmerer die reservestarken Lebensversicherer im Vorteil: "Mit unseren hohen Reserven können wir den Vertrieb des Riestergeschäft leichter vorfinanzieren als schwächere Konkurrenten." Die Versicherer müssen die Provisionen an die Vertriebsleuten sofort bezahlen, den Kunden diese Kosten aber auf zehn Jahre verteilen. Und im lukrativen Geschäft mit der neuen betrieblichen Altersvorsorge mische sogar nur ein gutes Dutzend Anbieter mit, sagt Michael Rosenberg, Vorstandsvorsitzender der Victoria Leben. "Diese Entwicklung dürfte sich in den nächsten Jahren auf den Markt auswirken."

Düstere Aussichten für kleinere Lebensversicherer? "Mitnichten", meint Rating-Experte Will, vor allem für kleinere Nischenanbieter mit regionalem oder produktmäßigem Fokus sieht der Versicherungsexperte gute Perspektiven. Gleichwohl müssten diese Versicherer auf den Marktdruck reagieren. Will erwartet, dass sich immer mehr dieser Anbieter auf die Kernaufgaben Vertrieb und Risikokontrolle beschränken, das Anlagemanagement aber auslagern werden. Anders als früher gebe es hier heute attraktive Möglichkeiten. "Hier zögern viele Vorstände aber noch aus Angst, die Unabhängigkeit ihres Unternehmens zu gefähreden", sagt er.

Dem größten Veränderungsdruck sind mittelgroße Versicherer ausgesetzt, heißt es in der Branche. Mit einem Bauchladen quer durch alle Sparten Sach, Leben und Kranken sei ohne große Volumina heute kein vernünftiges Geschäft mehr zu machen. Als positives Beispiel verweist Will auf die Alte Leipziger, die sich mittlerweile auf das Lebens- und Krankenverversicherungsgeschäft konzentriert habe.

Trotz Konsolidierungsdruck bleibt der deutsche Lebensversicherermarkt aber laut Ingo Wagner, Finanzexperte bei der Unternehmensberatung AT Kearney, ein nationaler Markt. Er nennt zwei Gründe: "Lebenprodukte und rechtliche Rahmenbedingungen sind in Europa völlig unterschiedlich. Die Dinge sind nicht übertragbar." Trotzdem spielen ausländische Konzerne dank Übernahmen längst eine bedeutende Rolle auf dem deutschen Leben-Markt. Zuletzt haben sie 22,5 Prozent Marktanteil der Leben-Prämien erzielt, sagt Will, vor neun Jahren seien es erst knapp 14 Prozent gewesen.

Quelle: Handelsblatt

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