Experten erwarten Zunahme der Stress-Problematik
Stress kostet deutsche Wirtschaft jedes Jahr Milliarden

Die Zahl der Stress-Erkrankungen am Arbeitsplatz wächst. Sich immer schneller wandelnde Arbeitswelten und weiter wachsende Anforderungen an die eigene Flexibilität werden für viele Arbeitnehmer zu Belastung. Experten erwarten, dass die Problematik auch in der Zukunft weiter zunimmt.

Zunächst war es nur ein unbestimmtes Gefühl. Einfach so ein Unwohlsein. Später dann spürte Peter W., dass er im Job nicht mehr mitkam. Die Kollegen im Büro maulten, immer häufiger saß der damals 45-jährige Manager eines Elektrokonzerns beim Arzt. "Ich habe dem Arbeitsdruck, der in der Branche herrscht, einfach nichts mehr entgegensetzen können", sagt er heute. Peter W. gab auf, ist mittlerweile Frührentner. Diagnose: Arbeitsunfähigkeit wegen Stress-Erkrankung am Arbeitsplatz.

Wie Peter W. ergeht es vielen. Doch nicht nur die Arbeitnehmer leiden. Auch die Betriebe müssen Tribut zollen, wie zahlreiche Studien belegen. Schäden von rund fünf Milliarden DM im Jahr, so die Internationale Arbeitsorganisation (IAO), entstehen der deutschen Wirtschaft allein durch psychisch belastete Arbeitnehmer.

Und noch zwei erschreckende Zahlen: Laut IAO beruhen fast zehn Prozent der Vorruhestandsfälle in Deutschland auf frühzeitiger Arbeitsunfähigkeit durch psychische Schädigungen. Außerdem haben Stress-Erkrankungen, so das renommierte Max-Planck- Institut in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung, im Schnitt sechs Tage Arbeitsausfall pro betroffenem Arbeitnehmer und pro Monat zur Folge.

Experte: Problematik nimmt weiter zu

Lothar J. Hellfritsch, Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, findet das nicht erstaunlich: "In der Vergangenheit ist das Thema doch immer heruntergespielt worden", betont der Psychologen-Chef. Er prophezeit, dass die Problematik noch zunimmt: "Die ganze Arbeitswelt wird anstrengender, weil sie sich laufend und immer schneller verändert. Nicht jeder kann darauf angemessen reagieren."

Hellfritsch fordert ein aktives Problem-Management von Wirtschaft und Politik. Obwohl in vielen Firmen Verbesserungen erkennbar seien, entscheiden Unternehmen bisher selbst, ob sie Initiative ergreifen. Hellfritsch ist das zu wenig. Er will die Bundesregierung in die Pflicht nehmen. Große Unternehmen müssten per Gesetz verpflichtet werden, einen "Stress-Manager" einzustellen. Denn Betriebsärzte seien nicht verpflichtet, sich entsprechend ausbilden zu lassen. Außerdem müsse das Tabu-Thema Stress-Schädigungen benannt und auch anerkannt werden, so Hellfritsch. Die einzigen, die bislang konsequent mit an einem Strang zögen, seien die Krankenkassen, die die finanziellen Mehrbelastungen durch Stress als erste spüren.

AOK bietet Hotline für Mobbing-Opfer

In Nordrhein-Westfalen hat die AOK deshalb eine Hotline für Opfer von Mobbing eingerichtet, wohl das bekannteste Stress-Phänomen. Dahinter steckt meist die konsequente Ausgrenzung und Erniedrigung von Mitarbeitern durch Kollegen oder Chefs. Das Ergebnis: betriebliche Fehlzeiten, eine erhöhte Fluktuationsrate, Arbeitsgerichts-Prozesse und eine stärkere Tendenz zur inneren Kündigung.

Anrufe kommen nahezu täglich. Über 200 mal im Jahr klingelt bei den AOK-Experten das Telefon. Kein Wunder: Nach Erkenntnissen des Hernstein Management Instituts in Wien hat ein großer Teil der deutschen Unternehmen ein Mobbing-Problem: Fast die Hälfte der Führungskräfte hat in der eigenen Firma Mobbing beobachtet.

Die Forderungen nach gesetzlichen Maßnahmen stoßen in der Wirtschaft trotzdem auf wenig Gegenliebe. Von gesetzlich oktruierten "Stress-Managern" hält Carlotta Köster, bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände für betriebliche Personalpolitik zuständig, nichts: "Jeder Betrieb ist anders, deshalb setzen wir auf freiwillige Maßnahmen." Diese gibt es bei Großunternehmen wie DaimlerChrysler. Zwar nicht in Form des Stressberaters - die Rolle übernimmt der Werksärztliche Dienst - aber in Form verschiedenster Stressberatungs-Seminare.

Flexibilität wird oft zur Belastung

Hellfritsch ist trotzdem überzeugt, dass solch eine Freiwilligkeit häufig einer Untätigkeit gleichkommt. Und die neue Arbeitswelt mit ihrem Zwang zu mehr Flexibilität werde die Probleme noch vergrößern: "Viele Mitarbeiter haben heute kein festes Büro mehr, sondern müssen mit ihren Arbeits-Utensilien ständig wandern. Für die Arbeitnehmer ist das oft eine Belastung, weil sie sich nicht mehr zu Hause fühlen."

Engagierten Firmen, die diesen Problemen entgegenwirken wollen, bieten sich aber auch jenseits gesetzlicher Zwänge vielfältige Ansatzpunkte. Ahnlich wie Daimler Chrysler hätten sie viele Möglichkeiten, Stress bei Mitarbeitern gar nicht erst aufkommen zu lassen oder sie bei der Bewältigung zu unterstützen, betont Psychologe Stefan Hauschild, Experte für systemische Beratung an der Universität Köln. Je nach Ursache seien unterschiedliche Maßnahmen erforderlich. "Wichtig ist das Gleichgewicht zwischen den Anforderungen der Arbeitssituation und den individuellen Möglichkeiten, sie zu bewältigen: Mitarbeiter wollen herausgefordert werden - nicht überfordert."

Konfliktmanagement zur Stressprävention

Dem einzelnen Mitarbeiter helfen laut Hauschild zum Beispiel stressorientiertes Coaching oder Training, um potenziell belastende Situationen frühzeitig wahrzunehmen und vorhandene Bewältigungskompetenzen zu fördern. Prozess-, Veränderungs- und Zeitmanagement müsssten um eine "Stress-Perspektive" erweitert werden. "Außerdem trägt Konfliktmanagement in Form von Teamberatungen oder moderierten Gruppen deutlich zur Stressprävention bei und lässt sich durch Kommunikations- und Führungstrainings sinnvoll und effizient verbessern".

So denken auch Winfried Panse und Wolfgang Stegmann. Im Gegensatz zur IOA-Studie kommen sie in ihrem Buch "Kostenfaktor Angst" zu dem Ergebnis, dass durch Mitarbeiterängste jährlich sogar ein Schaden von über 100 Millarden Mark entsteht. Das Spektrum betriebswirtschaftlich relevanter Ängste ist bei ihnen aber weit gefasst - von Krebserkrankung bis Alkoholismus.

Gutes Personalmanagement gefordert

Das richtige Instrument, diese Verluste zu mindern, ist nach Meinung der Autoren ein festes betriebliches "Angstmanagement". Nach der Analyse der jeweiligen betrieblichen Situation sei vor allem gutes Personalmanagement gefordert. Sprich: Probleme der Mitarbeiter ernst nehmen. "Personalführung, die Angst als negativen Leistungsfaktor nicht berücksichtigt", so Panse und Stegmann, "ist unökonomisch."

Psychisch angeschlagene Mitarbeiter zu beraten, die auf kein institutionalisiertes Stress-Management bauen können, ist schon schwieriger. Die Probleme in der Firma kund zu tun, ist wohl die schlechteste Reaktion, meint Jürgen Hesse, Gründer der Berliner Telefonseelsorge. "Ihr Chef ist nicht ihr Freund und auch gegenüber den Kollegen besser kein Wort." Das sieht auch Peter W. so: "Offenbarte Schwächen", resümiert er seine Erfahrungen, "werden gnadenlos ausgenutzt".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%