Experten geben kleineren Low-Cost-Anbietern keine Überlebenschance
Es wird eng am deutschen Billigflug-Himmel

Die Gründung immer neuer Billigfluglinien wird nach Ansicht von Luftfahrtexperten zu schnellen Marktaustritten in Deutschland führen. Die Unternehmensberatung Cell Consulting rechnet in einer Studie für das Jahr 2007 mit Überkapazitäten von bis zu 30 %.

DÜSSELDORF. "Diese Überversorgung wird auf Flugpreise und Margen drücken und vor allem kleinere Anbieter mit weniger als 30 Flugzeugen gefährden", prophezeit Cell-Berater Thomas Tomkow. Er erwartet, dass so manche Gesellschaft noch vor ihrem Erstflug die Segel streichen wird.

Vor allem am Standort Köln/Bonn ist ein harter Verdrängungswettbewerb bereits programmiert. Von dort starten noch in diesem Jahr gleich zwei neue Billigfluganbieter, die beide von finanzkräftigen deutschen Konzernen unterstützt werden: Hapag Express, -Lloyd eine 100 %-Tochter des weltgrößten Reisekonzerns TUI, sowie Germanwings, über dessen Konzernmutter Eurowings AG die Deutsche Lufthansa mit 25 % beteiligt ist.

Nach Handelsblatt-Informationen wird Hapag Express-Lloyd auf seiner Pressekonferenz am Dienstag einen Flugplan veröffentlichen, der einer direkten Konfrontation mit dem Konkurrenten Germanwings aus dem Weg geht. Der Tui-Ableger werde bis auf die Route Köln/Bonn-Berlin nur Strecken fliegen, die Germanwings nicht auf dem Programm stehen hat, heißt es in Branchenkreisen. Dazu gehören neben innerdeutschen Flügen nach Berlin und Hamburg vor allem italienische Ziele wie Neapel, Venedig oder Pisa.

Germanwings kommt der Tui-Konkurrenz einige Wochen zuvor: Schon ab nächsten Sonntag fliegt Germanwings ab 29 Euro täglich von Köln/Bonn aus in zehn europäische Metropolen, unter anderem nach London, Paris und Barcelona. Hapag Lloyd Express - will seinen Flugbetrieb im Dezember aufnehmen.

Neben den beiden Neustartern fliegt auch die Deutsche BA, die sich seit April 2002 vom Business- zum Billigflieger wandelt, die Rheinmetropole Köln/Bonn an. Als Reaktion auf die scharfe Konkurrenz hat sie in der Vorwoche weitere Preissenkungen angekündigt: Flüge zwischen Berlin und Köln-Bonn würden künftig bereits zu Preisen ab 21 Euro verkauft, kündigte das Unternehmen an.

Luftfahrtexperten sehen in derartigen Preisattacken schon Vorboten eines schnellen Reinigungsprozesses. "Die Preise fallen, weil zu viel Angebot im Markt ist, doch nicht alle sind in ihrer Kostenstruktur so schlank aufgestellt wie eine Ryanair", meint Unternehmensberater Tomkow. Virgin Express, der Billig-Ableger des britischen Milliardärs Richard Branson, hat seine ehrgeizigen Pläne im deutschen Markt deshalb schon vor dem Start abgeblasen. Branson wollte sich nicht auf die starke Konkurrenz am Flughafen Köln/Bonn einlassen.

Erste Anzeichen für einen schnellen Marktaustritt liefert auch ein neuer Anbieter namens BerlinJet. Das Unternehmen, das seine Kunden für 44 Euro von Berlin nach Frankfurt fliegen will, leistete sich kürzlich die Peinlichkeit, Passagiere und Medienvertreter am Tag des Erstflugs wieder nach Hause zu schicken. Der Partner habe das bestellte Flugzeug nicht zur Verfügung gestellt, hieß es schlicht zur Begründung. Frühestens Ende nächster Woche könne der Flugbetrieb aufgenommen werden, ließ ein Mitarbeiter via Buchungs-Hotline gestern ausrichten.

Zwar rechnet Cell Consulting damit, dass in fünf Jahren bereits 28 % aller Kunden in Deutschland mit Billigfliegern reisen. Das Passagieraufkommen werde jedoch bei weitem nicht reichen, um allen Neustartern einen Platz im Markt zu geben (siehe Tabelle). "Nur Gesellschaften mit einem starken Kapitalgeber im Rücken werden auf Dauer eine Chance haben", glaubt Hans Huff, Luftfahrtanalyst der Bankgesellschaft Berlin. Dazu zählt er lediglich Germanwings und Hapag Express-Lloyd sowie die etablierten Billigfluglinien Ryanair und Easyjet. Auch die Beteiligten selbst erwarten ein rasches Ende des Gründerbooms: "Es wird zu einer Konsolidierung kommen, weil wir schnell in Überkapazitäten hineinlaufen", sagte Eurowings-Vorstandschef Friedrich-Wilhelm Weitholz, kaum dass die Buchungsmaschinen für seine silberfarbenen Billigflieger Germanwings freigeschaltet waren.

Die Studie von Cell Consulting sieht vor allem unabhängige Chartercarrier, die nun im Billigflugmarkt reüssieren, in ihrer Existenz gefährdet. Wegen der anhaltenden Tourismusflaute bringt zum Beispiel der bisher recht erfolgreiche Ferienflieger Air Berlin zusehends Billig-Tickets unters Volk. "Eine Verlegenheitslösung", glaubt Analyst Huff. Mit dem bisherigen Angebot sei Air Berlin keine Alternative im Billigflugverkehr. Auch für die Luftfahrtexperten von Cell Consulting ist "nicht erkennbar, wie Air Berlin auf seinen neuen Strecken die Flugzeuge zufriedenstellend auslasten will". Seit dem 30. September bietet das Unternehmen von sieben deutschen Flughäfen aus tägliche Verbindungen nach London, Mailand, Barcelona und Wien an.

Quelle: Handelsblatt

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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