Experten halten Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz für einen Fehler – Analysten: Credit Suisse wird sich von Versicherer trennen
Analysten stellen Allfinanz in Frage

Die großen europäischen Allfinanzkonzerne zählen zu den großen Verlierern des Kursdebakels am Aktienmarkt. Vor allem Credit Suisse und die Allianz stecken tief in der Krise. Ihre Probleme stellen das Konzept, Banken und Versicherungen in einem Konzern zu bündeln, in Frage. Analysten rechnen mit Konsequenzen.

FRANKFURT/M. Die Krise an den Aktienmärkten setzt insbesondere die großen europäischen Allfinanzkonzerne unter Druck. Experten erwarten, dass die am meisten gebeutelten Adressen - Allianz und Credit Suisse - daraus Konsequenzen ziehen werden.

Credit Suisse wird sich nach Ansicht von Analysten über kurz oder lang von der Versicherung Winthertur und damit vom Allfinanzkonzept verabschieden. "Das Modell ist weitgehend gescheitert", sagt Guido Hoymann, Bankenexperte von der Privatbank Metzler. Credit Suisse hat im dritten Quartal ein Minus von 2,1 Mrd. Franken erwirtschaftet.

Spätestens seit dem Abschied von Lukas Mühlemann als CS-Chef ist der Verkauf von Winterthur nach Meinung von Branchenkennern nur noch eine Frage der Zeit. Als ein Indiz gilt die Berufung des früheren Dresdner-Bank - Vorstands Leonhard Fischer an die Spitze von Winterthur - der hat als Investmentbanker keine Erfahrung im Versicherungsgeschäft, wohl aber im Kauf- und Verkauf von Unternehmen. "Letztlich wird es seinen Aufgabe sein, Winterthur zu verkaufen", sagt Hoymann. Den Anfang machte die Veräußerung der Winterthur-Ableger in Portugal vor wenigen Tagen.

Ein Motiv bei der Übernahme der Winterthur Versicherung in den neunziger Jahren war die Hoffnung, dass die Versicherungssparte die stärker schwankenden Erträge im Investmentbanking stabilisieren könnte. Doch dieses Argument, dass auch andere Allfinanzkonzerne gerne anführen, hat sich in der Börsenbaisse als Fehleinschätzung entpuppt. Auch mit den erwarteten Synergien durch den Verkauf von Versicherungen in den Bankfilialen ist es bei CS nicht weit her.

Neben der Credit Suisse steht insbesondere die Allianz unter den Allfinanzkonzernen schlecht da. Sie verbuchte im dritten Quartal ein Minus von 2,5 Mrd. Euro. Dass gerade Allianz und Credit Suisse besonders gebeutelt sind, ist nicht verwunderlich. Beide Konzerne sind außer im Versicherungsgeschäft auch im Investmentbanking stark engagiert - und leiden jetzt doppelt unter der Schwäche der Aktienmärkte. Im Versicherungsbereich fallen milliardenschwere Abschreibungen im Anlagebestand an, im Investmentbanking brechen die Erträge ein. Nach Ansicht der Analysten von WestLB Panmure ist Credit Suisse von den europäischen Großbanken am stärken den Schwankungen der Aktienmärkte ausgesetzt.

Die Allfinanz-Strategie der Allianz ist schon lange heftig umstritten. Von Beginn an hielten viele Experten den Kauf der Dresdner Bank für überflüssig. Das Ziel, Versicherungen am Bankschalter zu verkaufen, hätte der Konzern auch durch Kooperationen mit Kreditinstituten erreichen können, sagen die Kritiker. Hinzu kommen die horrenden Verluste im Investmentbanking der Dresdner. Versicherungsanalyst Carsten Keil von Helaba Trust hält die Übernahme der Bank daher "aus heutiger Sicht für einen Fehler", auch wenn der Kurseinbruch an den Börsen nicht vorhersehbar gewesen sei.

Um ihr Allfinanzkonzept zu retten, hat die Allianz ihrer Banktochter ein drakonisches Sparprogramm auferlegt, darunter den Abbau von über 3 000 Stellen. Analysten rechnen mit noch tieferen Einschnitten. Julia Münchschwander von Metzler etwa glaubt, "dass das Investmentbanking und das Großkundengeschäft der Dresdner Bank weiter herunter gefahren werden." Auch ein Verkauf der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein gilt als möglich.

Derart gravierende Änderungen am Geschäftsmodell sind bei anderen Allfinanzkonzernen nicht zu erwarten. Sowohl bei den britischen Banken Lloyds TSB und HBOS als auch bei Fortis und ING steht das Allfinanzkonzept grundsätzlich außer Frage. Gerade die holländische ING und die belgisch-niederländische Fortis stehen gut da, da sie im Investmentbanking nicht zu den großen Spielern zählen. Aber selbst die grundsolide ING sah sich kürzlich genötigt, die Kapitalbasis durch den Verkauf eigener Aktien für 650 Mill. Euro zu stärken. Zudem will ING weitere 1 000 Mitarbeiter nach Hause schicken und erwägt den Verkauf seiner wenig rentablen deutschen Tochter BHF Bank. Die Ratingagentur Moody?s setzte den Konzern vergangene Woche auf die Beobachtungsliste für eine mögliche Herabstufung.

Auch die Allianz steht bei Fitch und Moody?s unter Beobachtung. Besonders im Blickpunkt steht aber die Kapitalausstattung von Credit Suisse. Um die Sorgen der Investoren zu beseitigen, kündigten die Schweizer kürzlich eine Wandelanleihe für eine Mrd. Franken an. Der Clou: Da es sich um eine Zwangswandelanleihe handelt, zählt die Emission zum Eigenkapital.

Vor allem die Negativ-Beispiele von Credit Suisse und Allianz geben Skeptikern Auftrieb, die den Sinn des Allfinanzkonzepts grundsätzlich in Frage stellen. "Aufgrund der Erfahrungen von Credit Suisse und Allianz hat das Thema Allfinanzkonzern spürbar an Attraktivität verloren", sagt Carsten Keil, Versicherungs-Analyst bei Helaba Trust. Er glaubt nicht, dass in Europa in naher Zukunft weitere Allfinanzkonzerne entstehen, zumal den Versicherern zur Zeit das Geld für größere Übernahmen fehlt.

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