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Experten hoffen auf Erholung des Neuen Marktes

Finanzexperten gehen davon aus, dass sich der Neue Markt nach den extremen Kursverlusten bis zum Jahresende wieder deutlich erholen dürfte.

Reuters FRANKFURT. Den Anlegern dürfte kaum zum Feiern zu Mute sein, wenn der Neue Markt am Samstag seinen vierten Geburtstag begeht. Genau vor einem Jahr, also an seinem dritten Jahrestag, hatten die Indizes des Wachstumswertesegments noch ihre bis heute geltenden Höchststände erreicht. Doch am Tag danach hatte der Abschwung eingesetzt, der im Prinzip bis heute anhält und - gemessen an den Indizes - mittlerweile mehr als dreiviertel des Marktwertes vernichtet hat. Finanzexperten gehen aber pünktlich zum Geburtstag des Börsensegments davon aus, dass sich der Neue Markt nach den extremen Kursverlusten bis zum Jahresende wieder deutlich erholen dürfte. Jedoch werden die dann wieder erholten Kurse nach ihrer Einschätzung noch weit von den Höchstständen früherer Tage entfernt bleiben.

Die DG Bank beispielsweise rechnet damit, dass der momentan bei gut 2 000 Punkten dümpelnde Nemax-All-Share-Index, der alle Werte des Neuen Marktes umfasst, bis Jahresende wieder 3 000 Punkte erreichen könnte. Im April 2000 freilich - der Nemax war nach dem Rekordhoch vom März zwischenzeitlich bereits um ein Drittel abgestürzt - war die Bank noch von einem Indexziel von 8 500 Punkten zum Jahresende 2000 ausgegangen. Die HypoVereinsbank und die Investmentgesellschaft Hypoinvest erwarten zum Jahresende 2001 Nemax-Indexstände zwischen 3 200 und 3 600 Punkten beziehungsweise deutlich über 3 500 Zähler. Analysten des Aktienhändlers Lang & Schwarz halten sogar einen Zuwachs auf 4 000 bis 4 500 Punkte für möglich.

Weit von Höchstständen entfernt

Doch selbst bei einer solchen deutlichen Erholung würden die Notierungen noch weit von den Höchstständen entfernt bleiben, die der Neue Markt just an seinem dritten Geburtstag verzeichnet hatte: Am 10. März 2000 hatte der Blue Chip-Index Nemax 50 seinen bis heute geltenden Rekord von 9 665,81 Punkten erreicht, der alle Werte umfassende Nemax-All-Share-Index war auf ein Maximum von 8 546,19 Zählern geklettert. Der Marktwert des Börsensegments betrug damals 234,25 Mrd. Euro.

Fast ebenso rasch wie der Aufstieg verlief der Fall des Neuen Marktes: Nachdem sich die Kurse von November 1999 bis März 2000 in etwa verdreifacht hatten, brachen die Indizes seinerzeit praktisch parallel zu einer ähnlichen Entwicklung an der US-Technologiebörse Nasdaq binnen eines Monats um etwa ein Drittel ein, bis heute hat der Nemax 50 seit seinem Rekordstand mehr als vier Fünftel an Wert verloren. Gewinnwarnungen von Unternehmen häuften sich, und im September war mit Gigabell das erste Unternehmen des Neuen Marktes zahlungsunfähig. Weitere Insolvenzanträge und schwere Krisen anderer Firmen folgten.

Nach Börsenboom Börsenskepsis

Finanzexperten begründen die Kurseinbrüche zu einem wesentlichen Teil damit, dass die Anleger nach vielfach nicht eingehaltenen Geschäftsprognosen das Vertrauen in den Markt verloren hätten. "Bei bestimmten Titeln ist eine regelrechte Verkaufspanik eingetreten", sagt ein Fondsmanager im Rückblick. Anfang März betrug die Marktkapitalisierung des Neuen Marktes mit 87,95 Mrd. Euro nur noch gut ein Drittel des Wertes von vor einem Jahr, obwohl weitere Firmen ihre Aktien in den Handel gebracht hatten, darunter im April 2000 im Rahmen des bislang größten Börsengangs an den Neuen Markt die Telekom-Tochter T-Online. In gleicher Weise, wie das Börsensegment zuvor den Aktienboom in Deutschland angeheizt hatte, führte der Absturz zu einer landesweiten Börsenskepsis.

Finanzexperten machen nun die Aussichten auf eine Erholung des Neuen Marktes von einigen Bedingungen abhängig. So sei notwendig, dass die US-Konjunktur einigermaßen robust und die US-Technologiebörse Nasdaq stabil bleibe, sagte Marc Schaedler, Fondsmanager bei Hypoinvest. Der Leiter des Aktien-Research der DG Bank, Lothar Weniger, ergänzte, nötig sei auch, dass die Firmen des Neuen Marktes für das Jahr 2000 Geschäftszahlen vorlegten, die den Erwartungen entsprächen. Nur so könne verloren gegangenes Vertrauen wieder hergestellt werden.

Auch künftig Konkurse möglich

Übereinstimmend beurteilen die Experten die derzeitige Situation als eine notwendige Selektions- und Konsolidierungsphase. Ralf Neuhaus, Leiter für Corporate Finance bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, sieht in dem Neuen Markt durchaus ein Risikosegment. Nach den Zusammenbrüchen von Firmen wie Gigabell oder Teamwork seien auch künftig Konkurse möglich. Fondsmanager Schaedler sagte dazu: "Da werden noch einige Titel verschwinden - das ist normal."

Indirekt forderten die Finanzexperten auch Privatanleger auf, künftig mit ihren Investments vorsichtiger umzugehen. Sie sollten sich besser über die Unternehmen und deren Branchen informieren, bevor sie investierten, sagten sie. Fondsmanager Schaedler empfahl, vor allem unternehmensspezifisch und weniger branchenspezifisch Investments auszuwählen. Grund dafür sei beispielsweise, dass die an der Börse favorisierten Branchen wegen der raschen technologischen Fortschritte immer häufiger wechselten. Außerdem gebe es eine große Bandbreite von guten und schlechten Unternehmen in bestimmten Branchen.

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