Experten: Job-Verlagerung weniger dramatisch als befürchtet
Outsourcing hilft dem Standort Deutschland

Volkswirte gehen davon aus: Produktionsverlagerungen ins Ausland nutzen der heimischen Wirtschaft unter dem Strich mehr, als sie ihr schaden. Abgesehen davon, dass die meisten Experten keine Alternative zur Job-Verlagerung sehen.

DÜSSELDORF. Ein klareres Bekenntnis zur Globalisierung kann es kaum geben: "Deutsche Unternehmen können sich nur im Wettbewerb behaupten, wenn sie weltweit tätig sind - die Unterscheidung zwischen guten inländischen Arbeitsplätzen und schlechten ausländischen Arbeitsplätzen ist falsch." Bemerkenswert an dieser Aussage ist vor allem, von wem sie stammt: Es handelt sich nicht etwa um die Worte eines liberalen Ökonomen oder eines Unternehmenslobbyisten, sondern um die eines Gewerkschafters - dem DGB - Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer.

Und der hat ausnahmsweise so gut wie alle Ökonomen auf seiner Seite. "Deutsche Firmen haben gar keine Alternative zur Verlagerung von Jobs ins Ausland", sagt Ingo Geishecker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Es ist für die Firmen zwingend erforderlich, Kostenvorteile im Ausland zu nutzen - tun sie das nicht, würden sie deutlich mehr Arbeitsplätze in Deutschland gefährden."

Fast jede zweite deutsche Firma plant in den nächsten Jahren den Sprung ins Ausland, zeigt eine jetzt veröffentlichte Umfragte unter 980 Top-Managern. Nach der Studie der Unternehmensberatung Droege & Comp. und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie wollen 46 % der Firmen in den nächsten drei Jahren ihre Produktion ganz oder teilweise nach Osteuropa oder Asien verlegen. "Es handelt sich um einen branchenübergreifenden Trend", sagt Fraunhofer-Direktor Günther Schuh. Bereits zwischen 1990 und 2001 haben deutsche Firmen durch Produktionsverlagerungen 460.000 Jobs in Osteuropa geschaffen, ist das Ergebnis einer Studie des Centre for Economic Policy Research (CPER). In Deutschland habe dies aber nur 90.000 Jobs gekostet.

"Deutschland profitiert"

Die Produktionsverlagerung ins Ausland nutze der heimischen Wirtschaft mehr, als sie ihr schade: "Deutschland hat von der Globalisierung massiv profitiert", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. HWWA-Präsident Thomas Straubhaar betont: "Die internationale Arbeitsteilung ist kein Nullsummenspiel. Es ist eines der ehernen Gesetze der Ökonomie, dass sie auf Dauer allen Beteiligten hilft, mehr Wohlstand zu gewinnen."

Die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der in Deutschland verbleibenden Arbeitsplätze ist dabei nur eines von mehreren Argumenten. Denn auch die heimischen Konsumenten sind große Gewinner der Verlagerung - der Import günstigerer Vorleistungen und Endprodukte hebt ihre Kaufkraft. "Turnschuhe, Fernseher und Maschinen wären viel teurer, wenn sie nur in Deutschland hergestellt würden", sagt Geishecker. Doch die Crux ist: Diese Vorteile sind für den Einzelnen nicht unmittelbar sichtbar - die Nachteile konzentrieren sich dagegen auf eine kleine Gruppe von Betroffenen.

Denn kurzfristig, das räumen die Ökonomen ein, schafft das Outsourcing nicht nur Gewinner. "Niedrig qualifizierte Arbeitnehmer in Deutschland sind eindeutig die Verlierer der Globalisierung", sagt Geishecker. Denn es ist vor allem die Massenproduktion, die aus Deutschland verschwindet. Dadurch sinkt in der heimischen Industrie die Nachfrage nach einfacher Arbeit - und die Löhne für diese Tätigkeiten geraten unter Druck. Eine DIW-Studie zeigt: Steigen die Outsourcing-Aktivitäten um einen Prozentpunkt, sinken die Löhne von gering Qualifizierten um 1,8 % - dass zugleich die Löhne für Hochqualifizierte um 3 % steigen, ist für die Betroffenen kein echter Trost.

Probleme für gering Qualifizierte

Das eigentliche Dilemma ist: Schon heute haben gering Qualifizierte auf dem Arbeitsmarkt immense Probleme. So stehen fast 25 % aller Arbeitnehmer ohne Ausbildung auf der Straße. Bei Menschen mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium sind es nur rund 6 %. "Diese schon heute dramatische Situation dürfte sich in Zukunft weiter verschärfen", warnt Geishecker.

Die Versuche, die Zuwanderung von Arbeitnehmern aus den EU-Beitrittsstaaten zu begrenzen, dürfte nach der CPER-Studie den Outsourcing-Trend in Deutschland noch verschärfen. Die Autorin Dalia Marin, Ökonomie-Professorin in München, empfiehlt daher die schnelle Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts: "Durch den Import von qualifizierter Arbeit aus Osteuropa würden die relativen Löhne für diese Tätigkeiten in Deutschland und damit die Kosten für Innovationen sinken." Dadurch würde es für Firmen attraktiver, wissensintensive Tätigkeiten in Deutschland zu lassen.

Bei allen Chancen und Risiken mahnen Ökonomen aber zur Gelassenheit. "Das Ausmaß der Job-Verlagerung wird in der Debatte weit übertrieben", sagt Bofinger. Es fließe mehr Kapital aus dem Ausland nach Deutschland, als das Land verlässt. Nach Uno-Angaben beliefen sich 2002 die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland auf 38 Mrd. $ - heimische Firmen investierten im Ausland nur 25 Mrd. $. Bofinger: "Die Daten sprechen dagegen, dass die Abwanderung von Unternehmen aus Deutschland ein großes Problem ist."

Quelle: Handelsblatt Nr. 069 vom 07.04.04 Seite 10

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