Experten: "neuartiges Stagnationsphänomen"
Stillstand betrifft insbesondere den Mittelstand

Die drittgrößte Industrienation der Welt ist eigentlich "mittelständisch" geprägt. Entsprechend sind die Lobpreisungen aus Politik. Wenn vom Mittelstand die Rede sei, werde von der Zukunft des Landes gesprochen, hatte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) bei einer seiner Ankündigungen für eine Mittelstandsoffensive erklärt. Die sieht aber alles andere als rosig aus.

HB/dpa DÜSSELDORF/BERLIN. Die mehr als drei Millionen Klein- und Mittelbetriebe dürften spätestens nach den Hiobsbotschaften über eine akute Rezessionsgefahr, massive Steuerausfälle und einen schärferen Sparkurs die Hoffnung zumindest auf eine Stabilisierung wieder begraben haben.

Dabei ging schon der Boom im Jahr 2000 weitgegehend am Mittelstand vorbei. Wohl auch in diesem Jahr werden die "Kleinen" und "Mittleren", die oft der einzige Beschäftigungsmotor sind, als Konjunkturstütze ausfallen. Denn die Negativmeldungen werden die Investitions- und Beschäftigungspläne sowie die Geschäftsaussichten der ohnehin stark stimmungsabhängigen Mittelständler nochmals drücken. Schon vor dem vergangenen "schwarzen Donnerstag" haben die vielen Umfragen und Indikatoren von Banken sowie Forschern mehrjährige Tiefststände vor allem in Westdeutschland ermittelt.

So beurteilte im Frühjahr nach einer Creditreform-Umfrage lediglich jedes fünfte Unternehmen seine wirtschaftliche Lage mit gut oder sehr gut. Die Umsatzerwartungen sind gegenüber 2002 geradezu eingebrochen. Rechnete 2002 noch ein Drittel mit steigenden Umsätzen, waren es im Frühjahr nur noch 16 %. Angesicht der schon damals konjunkturellen Unsicherheiten war auch die Investitionsbereitschaft gering. Nur noch 32 % wollten investieren und gerade einmal 12 % mehr Personal einstellen.

Die Stimmung in deutschen Unternehmen ist - wie auch im gesamten Land - häufig schlechter als die Lage. Der Mittelstand ist über die weitere Wirtschaftsentwicklung jedoch besonders verunsichert. Hängt er doch weit stärker von der Binnennachfrage ab als größere Firmen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) verweist darauf, dass 43 % der Mittelständler mit einem Jahresumsatz bis 50 Mill ? ausschließlich auf den Inlandsmarkt ausgerichtet sind. Noch größere Bedeutung habe der heimische Markt für Gründer und junge Firmen. Nach Angaben der Deutschen Ausgleichsbank (DtA) tätigen nur gut 6 % dieser Firmen Geschäfte mit dem Ausland. Gut drei Viertel böten ihre Produkte nur im engen regionalen Umkreis an.

Fast jeder dritte Betrieb erzielt keinen Gewinn

Die lang anhaltende geringe Inlandsnachfrage, die Experten schon als "neuartiges Stagnationsphänomen" erklären, ist eine besondere Belastung für die stark binnenwirtschaftlich orientierten kleinen und mittleren Firmen. Ihre viel zitierte Stabilisierungsfunktion können sie somit weiterhin kaum übernehmen. Alarmierend ist zudem die Ertragslage. Rund 30 % aller Betriebe erzielten keinen Gewinn oder wiesen Verluste aus, ermittelte der Sparkassen- und Giroverband nach Analyse von 60 000 Kundenbilanzen und nach Befragungen.

Angesichts dieser Misere wird die Eigenkapitaldecke der deutschen Mittelständler, die ohnehin geringer ist als in vergleichbaren Unternehmen anderer EU-Länder, immer dünner. Nach einer Untersuchung von Creditreform haben nur knapp 18 % eine als stabil geltende Eigenkapitalquote von mehr als 30 %. Mehr als ein Drittel sei mit einer Ausstattung von weniger als 10 % unterkapitalisiert.

Folge ist auch, dass die Kreditprobleme sich verschärfen. Jeder dritte Mittelständler hat laut KfW Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Kredit zu bekommen. Die Banken sind risikobewusster geworden, verlangen vor allem bei kleineren Firmen mehr Sicherheiten und insgesamt mehr Transparenz. Hoffnung macht, dass in diese Lücke zunehmend Beteiligungsgesellschaften springen, die traditionelle Instrumente wie Kredite oder Subventionen ersetzen und verstärkt eigenkapitalähnliche Finanzierungen anbieten.

Für die chronische Eigenkapitalschwäche macht der Handelsverband BGA größtenteils eine mittelstandsfeindliche Gesetzgebung und hohe Abgaben verantwortlich. Die Sparkassen verweisen darauf, dass Mittelständler 23 % des Umsatzes für Löhne, Gehälter und Lohnnebenkosten aufbringen müssten. Bei Großunternehmen seien es nur 17,5 %. Wirtschaft und Verbände fordern daher unisono, dass die Reformen der Sozialversicherungen rasch angegangen werden. Entlastet würden vor allem Mittelständler und damit die gesamte Wirtschaft.

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