Experten prüfen Pariser Erkenntnisse
Streit um deutschen „El-Kaida-Terroristen“

Als "recht kühn" und "sehr gewagt" qualifizieren die deutschen Geheimdienste die gestrige Behauptung des französischen Innenministers Nicolas Sarkozy, der in Paris verhaftete deutsche Islamist Christian G. sei ein "hochrangiges El-Kaida - Mitglied" und ein "großer Fisch" der internationalen Terror-Szene. Nach Angaben der französischen Justiz hatte G. selbst gestanden, nicht nur Bin Laden persönlich zu kennen, sondern auch in Afghanistan von El Kaida zum Terroristen ausgebildet worden zu sein.

BERLIN. Dagegen bezweifeln die deutschen Dienste, dass der 36-Jährige Spätaussiedler aus Mülheim an der Ruhr, der im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Anschlag auf der tunesischen Ferieninsel Djerba vorübergehend festgenommen worden war, jemals eine Befehlsgewalt und damit einen hohen Rang in der Hierarchie El Kaidas gehabt habe. Vielmehr habe er wie viele andere auch nur Zugang zu Führungsfiguren El Kaidas gehabt.

Deutsche Terrorismusexperten prüfen derzeit die Aussagen des zum Islam konvertierten Mannes, ebenso wie die eines zwei Tage vor Christian G. auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle nach einem Hinweis des deutschen Verfassungsschutzes festgenommenen 34-jährigen Marokkaners Karim M. Dieser hatte G. als einen Organisator und Sponsor eines geplanten Attentats auf der französischen Antilleninsel Reunion bezeichnet. Karim M. ist den deutschen Behörden als Freund G.s und Mitglied der militanten Islamisten-Szene bekannt. Nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes, die zur Festnahme von M. in Paris führten, hatte der seit 14 Jahren in Deutschland offiziell von der Sozialhilfe lebende Marokkaner selbst kostenträchtige Reisepläne nach Reunion geschmiedet. Tatsächlich fand die Pariser Polizei bei seiner Festnahme Dokumente, die einen geplanten nur eintägigen Aufenthalt auf Reunion und damit den Verdacht eines Attentatsplans belegen. Während einige deutsche Experten M. nur für einen "durchgeknallten Typen" und "Aufschneider" halten, gelten die beiden Festgenommenen Frankreichs Behörden als Komplizen im Terrornetz Osama Bin Ladens. Tatsächlich haben beide - so die Erkenntnisse französischer wie deutscher Behörden - Verbindungen zur Hamburger El-Kaida-Zelle um Mohammed Atta und Mounir El Motassadeq gehabt. Diese hatten das Flugzeug-Attentat gegen das World-Trade-Center geplant, Atta war einer der Piloten. Im Gegensatz zu deutschen Behörden sehen die Franzosen G. daran beteiligt. Aufhorchen lässt deutsche Stellen allerdings der Name des ermittelnden Richters, Jean-Louis Bruguière. Er ist der profilierteste Ermittler in Sachen internationaler Terrorismus. Ihm trauen sie nicht zu, aus politischer Botmäßigkeit die Bedeutung der beiden aufzublasen, um den USA die uneingeschränkte Solidarität im Kampf gegen den Terror zu bekunden. Nicht ausschließen wollen sie, dass die Pariser Justiz die "Hochrangigkeit" von G. "akzentuiere", um ein Strafverfahren öffentlichkeitswirksam zu begründen. Denn beim Attentat auf Djerba, in das G. verstrickt sein soll, waren neben zwölf Deutschen auch zwei Franzosen ums Leben gekommen. Im Gegensatz zu Paris war die deutsche Bundesanwaltschaft vergangenes Jahr damit gescheitert, einen Haftbefehl gegen G. zu erwirken, worauf sich G. trotz Beobachtung durch das Bundeskriminalamt (BKA) nach Saudi-Arabien absetzte, und dort vergangene Woche ausgewiesen wurde. Nach Sichtung der französischen Akten will Bundesgeneralanwalt Kay Nehm erneut die Chancen eines Haftbefehls prüfen. Die Bundesanwaltschaft war damit gescheitert, einen Haftbefehl zu erwirken - die damals vorliegenden Beweise waren zu dürftig.

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