Experten raten beim ersten Anzeichen von Zahlungsunfähigkeit zum Ausstieg
Delistingregeln schützen nicht vor Pleitefällen

Auch nach der Verschärfung des Regelwerks ist das Thema Insolvenzen am Neuen Markt nicht vom Tisch. In diesem Jahr gab es fast ebenso viele Insolvenzanträge wie Börsengänge am Wachstumssegment. Da die Aktionäre bei Pleiten zumeist leer ausgehen, raten Experten zum rechtzeitigen Ausstieg.

BERLIN/FRANKFURT. Die Zahl der Pleitefälle am Neuen Markt steigt. Die Zahl der am Wachstumssegment gelisteten Unternehmen, die in diesem Jahr einen Insolvenzantrag gestellt haben, liegt nur leicht unter der Zahl der geglückten Neuemissionen: Gerade einmal zwölf Börsendebütanten stehen neun Fälle für den Insolvenzverwalter entgegen. Mit der jüngsten Entscheidung, diese Titel vom Neuen Markt zu verbannen, bereinigt die Deutsche Börse nur den Kurszettel, neue Pleiten kann sie auf diese Weise natürlich nicht vermeiden. Insolvenzverwalter kritisieren sogar, dass das geplante Delisting die Rettung der Unternehmen noch erschwert und deshalb an den Interessen der Anleger vorbeigeht.

Forderungen der Mitarbeiter und Gläubiger gehen vor

"Aktionäre sind Mitpleitiers", auf diese griffige Formel brachte Dirk Pfeil, Verwalter der Gigabell-Insolvenz, eine nicht nur für frischgebackene Aktienbesitzer bittere Wahrheit. Wird ein Unternehmen zahlungsunfähig, sind zunächst die finanziellen Ansprüche der Mitarbeiter und Gläubiger und nicht zuletzt auch die des Insolvenzverwalters zu bedienen. "Für den Anleger bleibt eigentlich nur dann etwas übrig, wenn es gelingt, ein Insolvenzplanverfahren einzuleiten", sagte der mit der Insolvenzverwaltung des Paderborner Softwareunternehmens Teamwork betraute Rechtsanwalt Frank Kebekus dem Handelsblatt. Um das Unternehmen zu retten, kann der Insolvenzverwalter hierbei versuchen, sich mit den Gläubigern darauf zu verständigen, dass sie auf einen Teil der Forderungen verzichten. "Dafür ist es jedoch auch notwendig, Investoren an Bord zu holen", sagt Kebekus. Interessenten sind aber auch Pfeils Erfahrung nach an einer gültigen Börsenzulassung interessiert: "Deshalb bat ich die Börse ohne Erfolg darum, Gigabell vorerst nur vom Handel auszusetzen."

Von Oktober an will die Deutsche Börse Pleitefirmen einem Monat nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens vom Neuen Markt verbannen. Gelänge es Kebekus bis dahin, sich mit den Gläubigern zu einigen, würde Teamwork dennoch vom Kurszettel verschwinden, weil das Insolvenzverfahren über das Vermögen bereits eröffnet ist. Nach Einschätzung Pfeils widersprechen die neuen Regeln für das Wachstumssegment der Zielsetzung des neuen Insolvenzgesetzgebung, die darauf ziele, die Unternehmen möglichst zu erhalten: "Die Börse ignoriert, dass die Notierung einen Vermögenswert darstellt."

Weil die Anleger zumeist leer ausgehen, raten Experten bereits bei den ersten Anzeichen einer drohenden Insolvenz zum Ausstieg. Peter Barkow, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, weist darauf hin, dass gerade am Neuen Markt so genannte personengetriebene Geschäftsmodelle dominieren. "Hier ist höchstens die Kundenbasis für mögliche Investoren interessant und deren Verkauf bringt dem Anleger zumeist nichts", sagt er.

Teure Hoffnung auf neue Investoren

Auch im Fall der Augsburger Infomatec AG, deren Kerngeschäft jetzt in die Vereinigten Emirate verkauft wurde, dürften die Anleger leer ausgehen. Der Insolvenzverwalter Werner Schneider geht davon aus, dass von dem knapp drei Jahre lang am Neuen Markt notierten Unternehmen bald nichts mehr übrig bleiben wird. Auf den ersten Blick sei der Mantel zwar wegen Verlustvorträgen von rund 150 Mill. DM für einen Investor noch interessant. Wegen der Aktionärsklagen, für die das Unternehmen möglicherweise noch geradestehen müsse, stelle ein solches Engagement jedoch ein unkalkulierbares Risiko dar. Kebekus und Pfeil meinen zudem, dass es derzeit eher ein Überangebot an Börsenmänteln gebe.

Die mangelnden Hoffnung auf eine Kurserholung zahlungsunfähiger Unternehmen brachten die Analysten vom Bankhaus Metzler mit einer plakativen Aussage zum Ausdruck. Ihre mit der Sorge um die Liquiditätssituation der Stuttgarter Softwareschmiede Brokat begründete Verkaufsempfehlung versahen sie mit dem Attribut "Kursziel null".

Auch die Berliner Lipro AG zählt zu den Unternehmen, vor denen Analysten wegen der zunehmenden Zahlungsschwierigkeiten warnen. Die angespannte Situation zeichnete sich mit der Entlassung eines Drittels der Belegschaft im Mai ab. Seit Anfang Juli zählt die Lipro-Aktie zudem zu den vom Ausschluss bedrohten Penny Stocks. Ende Juni schürte der Vorstand zwar noch die Hoffnung, dass eine Investorengruppe ein Sanierungskonzept im Volumen von 14 Mill. Euro finanzieren werde. Bislang blieb die für Anfang Juli angekündigte erste Tranche von 1 Mill. Euro aber aus. Roy Wenske, Leiter des Rechnungswesens, hofft darauf, dass die Gelder im August anfangen zu fließen und bis Mitte September vollständig verbucht sind. Es werde weiter mit den Geldgebern verhandelt, zu denen neben den Ländern Berlin und Nordrhein-Westfalen auch eine Gruppe privater Investoren aus Schweden und den USA zählten. Wenske zufolge kam es zu der Zahlungsverzögerung, weil das Land Berlin sich weigerte, die erste Tranche an Lipro zu überweisen. Er betonte jedoch: "Noch immer decken die Einnahmen die laufenden Ausgaben."

Dass hohe Erwartungen an potenzielle Investoren teuer werden können, zeigten allerdings die Pleitefälle Kabel New Media und Management Data. Beide trafen den Markt relativ unvorbereitet, da nur die Existenz von Investoren, nicht aber die vereinbarten auflösenden Bedingungen bekannt waren.

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