Experten raten derzeit von Optionsscheinen ab
Mit Vollgas durch das Kurstal steuern

Wer an den Aufschwung an den Börsen glaubt, der kann mit dem geschickten Einsatz von Derivaten davon besonders profitieren. Doch Vorsicht: In Zeiten hoher Volatilität können Anleger mit Call-Optionsscheinen selbst dann Geld verlieren, wenn die Börse steigt. Zertifikate sind daher nach Ansicht von Experten gegenwärtig die bessere Wahl.

Die Gesichter der Händler auf dem Frankfurter Parkett hellen sich langsam auf. Der Deutsche Aktienindex hat jetzt bereits drei Wochen mit Punktgewinnen hinter sich. Das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Mutige Chartanalysten sehen den Dax schon wieder bei 4 900 Punkten. Dort verläuft eine technische Widerstandslinie, die am Scheitelpunkt im März 2000 ihren Anfang nimmt und sich über den Höchststand des Dax in diesem Jahr bis in den Herbst 2002 verlängert.

Für Europa und damit auch Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas spricht derzeit tatsächlich einiges, meint Jochen M. Kleeberg, Geschäftführer der unabhängigen Beratungsgesellschaft Alpha Portfolio Advisors, Bad Soden/Taunus. "Die USA werden noch lange an ihren Bilanzskandalen zu knabbern haben, von einigen Exzessen am Neuen Markt abgesehen, hat es so etwas bei uns zum Glück nicht gegeben. Gleichwohl haben in Deutschland viele Werte eine starke Kurskorrektur hinter sich. Das bietet den Anlegern wieder eine echte Perspektive."

Geht es nach Chartanalysten und behalten die Optimisten Recht, dann steigt der Dax in den nächsten zwei bis drei Monaten etwa 1 000 Punkte. Indexzertifikate, die den Dax genau abbilden, würden bei diesem Szenario Anlegern ein sattes Plus von 25 Prozent bescheren.

Dass die Botschaft bei den Anlegern angekommen ist, beweisen die aktuellen Statistiken: Unter den derzeit fünf meistgehandelten Zertifikaten finden sich drei Endlos-Indexzertifikate auf den Dax. Doch nicht nur die Produkte der Deutschen Bank, der Hypo-Vereinsbank und die von ABN Amro profitieren vom wiederkehrenden Glauben der Anleger an steigende Kurse. Bei so viel Optimismus werden jetzt auch wieder vermehrt Call-Optionsscheine gehandelt. Doch obwohl der Dax steigt, fallen die Kurse vieler Kaufoptionsscheine (Calls). Der Grund: Der Dax gerät in ein beständigeres Fahrwasser, die Kurse schwanken nicht mehr so stark. Die Volatilität des Marktes, die an der Terminbörse Eurex im VDax-Index gemessen wird, sinkt derzeit rapide. Das reißt die Kurse der Optionsscheine mit in die Tiefe, denn die implizite Volatilität, die Schwankungsbreite des Marktes, bestimmt in nicht unerheblichem Maße den Preis der Optionsscheine.

"Deshalb sind Optionsscheine im Moment nicht unbedingt die richtige Wahl, um von einem Kursanstieg zu profitieren", meint Holger Bosse, Leiter der Abteilung Zertifikate bei der Dresdner Bank, und sieht für Zocker gegenwärtig wenig Perspektiven bei Optionsscheinen. "Die Scheine, die überhaupt noch Chancen auf einen Gewinn haben, sind tief im Geld und haben lange Laufzeiten. Aber damit lässt sich nicht wirklich Geld verdienen", räumt Bosse ein und verweist stattdessen auf besser geeignete Instrumente aus dem Zertifikatemarkt: Hebelzertifikate zum Beispiel.

Doch Vorsicht: Sollten die Kurse noch einmal alte Tiefstände testen, droht die Gefahr des Totalverlustes. Stephanie Kirbach, Sales-Managerin beim Optionsscheinmarktführer Citibank, hat deshalb auch "immer ein wenig Magenschmerzen, diese Papiere zu empfehlen".

Viel besser geeignet seien derzeit Discount-Zertifikate: ein defensiveres Instrument, mit dem Anleger Aktien oder Indexabbildungen billiger ein-kaufen können. "Gerade bei einem seitwärts laufenden Markt bieten diese Papiere gute Chancen", bestätigt Stefan Gresse, Zertifikateentwickler bei ABN Amro.

Er rechnet für ein aktuelles Discount-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50 mit Basispreis 3 000 mehr als 20 Prozent Rendite vor, falls der Index bis September nächsten Jahres von derzeit knapp 2 800 Punkten auf 3 000 Punkte steigen würde. Mehr ist dann allerdings nicht drin. Denn die Bank behält alle Gewinne, die über dem so genannten Cap liegen, für sich.

Neues gibt es aus dem Hause Deutsche Bank, deren Produktentwicklungsabteilung sich besonders innovativ zeigt. Die Frankfurter Investmentprofis haben sich ein Zertifikat ausgedacht, das sie "Doublechance" nennen und das vor allem für Anleger interessant sein soll, die auf niedrigem Kursniveau auf eine Kurswende hoffen. Das Prinzip: Das Doublechance-Zertifikat verdoppelt den Kursgewinn des Basisinstruments innerhalb einer definierten Spanne nach oben, bei Kursverlusten reagiert das Papier allerdings genauso wie der Basiswert selbst. Ein Cap begrenzt auch hier die Gewinnchancen. Ein Beispiel ist das Dax-DoCha-Zertifikat mit einem Cap bei 41 Euro und einer Fälligkeit zum 23.12.2002.

Die Gefahr des "Knockouts" bei Turbos und die Begrenzung des Gewinns bei Discount- und anderen Zertifikaten lassen die klassischen Indexzertifikaten in einem besseren Licht erscheinen. Denn der Markt hat in den vergangenen Wochen nach Meinung vieler Experten seinen Boden gefunden, die Verlustrisiken halten sich somit in Grenzen. Und sollte der nächste Kursaufschwung kommen, haben gerade die Zertifikate ohne Laufzeit die Chance, die ganze Aufwärtsbewegung mitzumachen - freilich nur im Verhältnis 1 : 1 und nicht etwa mit Hebel.

Aber was sind denn die Branchen, die demnächst den Aufschwung an der Börse feiern? Klassische Theorie: Erst haben die Banken die Nase vorn. Denn sie profitieren von niedrigen Zinsen, weil sie mehr günstige Kredite verkaufen können. Portfolio-Experte Kleeberg glaubt an die Finanzbranche ins-gesamt: "Banken und Versicherungen sind in der jüngsten Baisse wahrlich abgesoffen, gerade aber die Versicherungen müssten von einem Aufschwung überdurchschnittlich profitieren. Denn sobald die Börse wieder nach oben geht, relativiert sich in vielen Fällen die aktuelle Debatte um Abschreibungsbedarf."

Mit einer Konjunkturwende steht zudem die Zeit der Zykliker ins Haus, also der Unternehmen, deren Geschäfte geradezu parallel mit der Konjunktur verlaufen. Hierzu werden insbesondere Rohstoff- und Papierwerte gerechnet, aber auch Automobil- und Maschinenbautitel.

Und was ist mit den einstigen Börsenlieblingen der TMT-Branche, also Technologie, Medien und Telekom? Während einige Banken von einem Comeback überzeugt sind, dämpft Kleeberg die Erwartungen: "Von einer Schlimmer-geht-es-nimmer-Strategie kann ich nur abraten. Das wird jeder bestätigen, der schon bei 20 Euro die Deutsche Telekom auf dem Tiefpunkt angekommen sah."

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