Experten raten Kunden zu einer genauen Einzelfallanalyse
Wechsel zu den Privatkassen birgt Risiken

Fast täglich kommen neue Vorschläge, wie die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen verringert werden können. Einen Ausweg bietet unzufriedenen Versicherten hier der Wechsel zu einem privaten Krankenversicherer. Bei der Auswahl des richtigen Anbieters hat der Kunde die Qual der Wahl.

Peter Müller ist es leid, dass die Beiträge für seine Krankenversicherung ständig steigen, die Leistungen aber immer schlechter werden. Als gut verdienender Angestellter zahlt er Monat für Monat den Höchstsatz von 239,78 Euro an die AOK Rheinland. Schon länger interessiert sich der überzeugte Single deshalb für eine private Krankenversicherung als maßgeschneiderte Alternative zur gesetzlichen Massenware. Doch angesichts der Qual der Wahl hat er seinem Entschluss bisher keine Taten folgen lassen.

So wie Müller kommen immer mehr junge, gesunde Gutverdiener ins Grübeln - spätestens seitdem Gesundheitsministerin Ulla Schmidt öffentlich damit liebäugelt, die Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung auszuweiten. Dann könnte es für alle Angestellten, die weniger als die angepeilten 54 000 Euro im Jahr verdienen, womöglich zu spät für den Wechsel sein. Andererseits ist die Private nicht für jeden von Vorteil, wie die Analyse zeigt.

Was die Entscheidung so erschwert, ist, dass sie einen Versicherten ein Leben lang bindet. Schließlich ist der Rückweg in die Gesetzliche nur in Ausnahmefällen erlaubt. Außerdem können Versicherte die private Gesellschaft nur in den Anfangsjahren ohne gravierende finanzielle Einbußen wechseln, weil die private Krankenversicherung nach grundsätzlich anderen Spielregeln funktioniert.

Anders als bei AOK & Co. sind die privaten Krankenversicherungsbeiträge unabhängig vom Einkommen. Vielmehr entscheiden Kriterien wie Eintrittsalter, Geschlecht, Gesundheitszustand oder Leistungsumfang über die Höhe der Kosten. Während alle gesetzlichen Kassen nahezu die gleichen Leistungen anbieten, gibt es bei der privaten Konkurrenz enorme Leistungsunterschiede, etwa bei der Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer, der Erstattung von Zahnersatz, Brillen oder alternativen Heilmethoden und Psychotherapie. Entsprechend zahlt jeder Versicherte einen individuellen Beitrag - auch Familienangehörige ohne eigenes Einkommen. Jedes Kind kostet extra; Frauen sind teurer als Männer, Ältere teurer als Junge, Kranke teurer als Gesunde. Deshalb steht und fällt die Grundsatzentscheidung mit den persönlichen Lebensumständen.

Pauschale Vergleiche helfen da nicht weiter. Verbraucherzeitschriften wie Capital, DM/Euro oder Finanztest bieten daher immer häufiger individuelle, computergestützte Preis-Leistungs-Vergleiche an. Von Online-Vergleichen raten Fachleute ab. Wer lieber persönlichen Rat einholt, kann sich an einen gerichtlich zugelassenen Versicherungsberater wenden. Diese beraten gegen Honorar, das heißt, ihr Urteil ist von Provisionszahlungen der Versicherer unabhängig. Kostenpunkt: "Für einen ersten Überblick, welcher Versicherer in Frage kommt, zahlt der Mandant circa 300 bis 350 Euro", erklärt Georg Pitzl von der Kanzlei Falken Sammer Durstin in Kissing. Das Geld ist gut angelegt, wenn man die Tragweite der Entscheidung bedenkt. Schließlich sind die Preis- und die Leistungsunterschiede in der Krankenversicherung enorm. Auch der Investor kann Peter die Entscheidung nicht vorgeben, sondern nur aufzeigen, worauf es bei seiner Wahl ankommt. Ein vollwertiger privater Krankenschutz setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: ambulante, stationäre, Zahn- und Krankentagegeld-Leistungen. Abgesehen von der einheitlichen Pflegeversicherung sind die Leistungen individuell zusammenzustellen. Ein weiterer wichtiger Unterschied zur Kasse: Der Privatpatient rechnet selbst mit Ärzten und Apotheken ab. Er bekommt die Rechnungen zugestellt, prüft sie und reicht sie dann bei der Versicherung ein, um seine Auslagen erstattet zu bekommen. Manche Gesellschaften erleichtern diesen Schriftwechsel durch geeignete Formulare.

Die Qualität eines privaten Krankenversicherers machen Experten an einer Vielzahl von Kriterien fest. Wichtig ist nach Meinung von Verbraucherschützern unter anderem ein günstiger Vertriebs- und Verwaltungsapparat, Beitragsstabilität, eine kundenfreundliche Überschusspolitik sowie eine solide Finanzkraft. Schließlich soll die Gesellschaft auch nach fünfzig Jahren noch existieren, wenn der Versicherte in die Jahre gekommen ist und woanders nicht mehr zu akzeptablen Konditionen unterkommt. Die Finanzkraft der Unternehmen hat jüngst unter dem anhaltend niedrigen Zinsniveau und der schlechten Börsenverfassung gelitten. Es wundert daher nicht, dass auch eine Reihe von privaten Anbietern zu Jahresbeginn kräftig die Beiträge erhöht hat

.

Dabei werben die Privaten gern mit stabilen Beiträgen. Damit meinen sie, ihre Beiträge steigen nicht allein, weil jemand älter, kränker und somit teurer wird (Ausgleich erfolgt über Alterungsrückstellung). Auch der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren einiges veranlasst, damit die vom Einkommen unabhängigen Beiträge privatversicherte Rentner nicht überfordern. Ob diese Reserven reichen, zeigt sich erst Jahrzehnte später. Einstweilen steigen die Beiträge in der Praxis trotzdem - vor allem wegen der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und der unterschätzten Lebenserwartung.

Wegen der schwer abschätzbaren Beitragsproblematik rät Versicherungsberater Pitzl zur Vorsorge: "Eine eventuelle Beitragsersparnis sollte der Privatversicherte zurücklegen - für mögliche Zuzahlungen und zur Beitragsentlastung im Alter." Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, misst bei seinen Unternehmensbewertungen der Beitragsstabilität ebenfalls große Bedeutung zu (siehe Tabelle). Seine Agentur hat aber leider erst einige der rund 50 Krankenversicherern unter die Lupe genommen. Viele scheuen das tief greifende Rating.



* Name von der Redaktion geändert.

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