Experten raten, nicht auf den Aufkauf von Restaktien durch die Mutterkonzerne zu setzen
Gefährliche Spekulation auf Abfindungen

Na also - auch in diesen mauen Zeiten lässt sich an der Börse gutes Geld verdienen. So oder ähnlich mögen Anleger gedacht haben, die noch Aktien von Mannesmann besitzen, als Vodafone ihnen Anfang vergangener Woche das Abfindungsangebot machte: 206,53 Euro bietet der britische Mobilfunkriese den verbliebenen 7 400 Mannesmann-Aktionäre pro Aktie - rund 50 % mehr als der Börsenkurs zu dieser Zeit.

20.6.2001 DÜSSELDORF. Jetzt scheint die Stunde der Spekulanten zu schlagen. Denn an den deutschen Börsen tummeln sich noch viele Gesellschaften, die zu über 95 % zu einem anderen Konzern gehören - etwa die Aachener & Münchener Leben, Hoechst, BHF Bank, Entrium .

Das Kalkül: Möglicherweise wollen die Mutterkonzerne wie Aventis und AMB Aachener und Münchener Beteiligungs-AG wie Vodafone ihre Töchter komplett übernehmen. Dazu müssten sie ein interessantes Abfindungsangebot vorlegen.

Zusätzliche Phantasie entfacht das geplante Übernahmegesetz. Darin ist vorgesehen, dass ein Großaktionär, der mindestens 95 % der Anteile einer Tochter besitzt, die verbliebenen Minderheitsaktionäre gegen eine "angemessene Barabfindung" zwangsweise herauskaufen kann ("Squeeze out"). Darauf scheinen schon jetzt einige Anleger zu setzen, die seit Anfang des Jahres den Kurs der Hoechst-Aktie hochgetrieben haben.

Doch Experten warnen vor solchen Spekulationsgeschäften: "Das macht nur Sinn, wenn die Börsenbewertung der Tochter geringer ist als ein mögliches Abfindungsangebot. Doch Anleger haben kaum eine Chance, sich ein Bild vom echten Wert der Tochter zu machen. Zum anderen weiß niemand, ob die Mutter überhaupt einmal ein Angebot vorlegen wird", warnt Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Auch Reinhild Keitel, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) rät von solchen Geschäften wegen der großen Risiken ab. Schließlich ist das Gesetz für einen Squeeze out noch nicht einmal unter Dach und Fach

. Riskante Wette auf künftige Kaufangebote

Vodafone hat für die Mannesmann-Aktionäre ein Abfindungsangebot gemacht, weil die Briten mit ihrer deutschen Tochter einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertag abschließen wollen. In diesem Fall ist das Abfindungsangebot Pflicht. "Gut möglich, dass Vodafone mit diesem Angebot schon mal einen Pflock einschlagen wollte, um später bei einem Squeeze out bei der Höhe der Abfindung auf dieses Angebot verweisen zu können", sagt Frank Alexander Rothauge, Analyst von Sal. Oppenheim.

Auf einem ganz anderen Blatt steht indes, ob und wie andere Gesellschaften später die Möglichkeit für den Zwangsauskauf von Minderheitsaktionären nutzen werden. Bei AMB und Aventis gibt es dazu offiziell noch keine konkreten Pläne.

Selbst wenn Anleger davon ausgehen, dass Konzerne die geplante Möglichkeit zum Zwangsauskauf von Kleinaktionären nutzen werden, ist fraglich, ob sich damit Geld verdienen lässt. "Im Gesetzentwurf heißt es, dass bei einem Squeeze out sich die Höhe der Abfindung an dem ersten Übernahmeangebot orientieren muss", erklärt DSW-Fachmann Pluta. "Allerdings müssen Anleger dabei bedenken, dass zum Beispiel Mannesmann heute ein ganz anderes Unternehmen ist als bei der Übernahme."

Die zahlreichen Verkäufe etwa der Industriesparte Atecs, der Mobilfunkgesellschaft Orange und des Geschäfts mit Luxusuhren müssen bei der aktuellen Bewertung berücksichtigt werden - und genau das ist der Knackpunkt. "Sich als privater Anleger über den aktuellen Unternehmenswert ein Bild zu machen, ist extrem schwer", meint auch Analyst Rothauge. Anleger dürfen daher auf keinen Fall den Fehler machen, das alte Umtauschangebot von 68,95 Vodafone-Papieren je Mannesmann-Aktie einfach als heutige Bewertungsbasis zu nehmen.

Auch die aktuelle Börsenbewertung hilft nicht viel weiter. Zwar muss nach Angaben von SdK-Vorstand Reinhild Keitel der Börsenkurs bei der Höhe der Abfindung berücksichtigt werden. Doch für einen Großaktionär ist es ein Leichtes, diese marktengen Werte mit gezielten Verkäufen auf das gewünschte Niveau zu drücken.

Und selbst diese Mühe müssen sich die Großaktionäre nicht einmal machen. "Wenn durch Spekulation der Kurs der Tochter stark angezogen ist, kann das Unternehmen doch einfach abwarten", sagt Oppenheim-Experte Rothauge. DSW-Experte Pluta ergänzt: "Die Gesellschaften haben vermutlich den längeren Atem als die Spekulanten."

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