Experten rechnen mit einer Rückkehr in die großen Segmente
Auch an den kleinen Börsen ist die Party vorbei

Erst Stiefkinder des Aufschwungs, dann Stars in der Baisse: Nebenmärkte wie die Börse Wien waren im Börsen-Boom der 90er Jahre kaum beachtet. Doch seit Beginn der Baisse im April 2000 haben sich die kleinen Börsen lange gut gehalten. Experten rechnen damit, dass dieser Trend vorbei ist und sich Investoren schon bald wieder den Leitbörsen zuwenden.

FRANKFURT/M. Noch allerdings sieht die Bilanz der Kleinen recht gut aus. Der von defensiven Werten geprägte Wiener Index ATX - er beinhaltet zum Beispiel Stahl- und Energiewerte - notiert trotz zuletzt deutlicher Verluste immerhin auf dem Niveau von April 2000. Große Indizes haben seitdem zwischen 47 % (S&P 500) und 55% (Dax 30) verloren.

In der Baisse gut behauptet haben sich weltweit auch die meist defensiveren Midcap-Indizes. Der deutsche Index für mittelgroße Unternehmen MDax etwa verlor seit April 2000 "nur" rund ein Viertel. Relative Stärke defensiver Indizes in globalem Abschwung ist typisch: "In Boomphasen fallen Nischenmärkte wie die Börse Wien zurück", erklärt Jörg Bungeroth, Aktienstratege der DZ Bank. "Denn die Ende der 90er-Jahre gefragten Branchen wie TMT, Internet oder Biotechnologie waren hier nur wenig vertreten." Zeigt sich dann, wie im Jahr 2000, dass auch neueste Technologien Börsenregeln nicht dauerhaft außer Kraft setzen und die Hoffnungsträger maßlos überbewertet sind, kommt die Wende. "Nach der Übertreibung rückten wieder klassische Bewertungsmaßstäbe wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den Vordergrund", sagt Ralf Zimmermann, Marktanalyst bei Sal. Oppenheim. "Seit 2000 waren daher Sektoren mit soliden und niedrig bewerteten Unternehmen gefragt. Davon profitierten Nebenmärkte wie Österreich, die während des TMT-Hypes nicht so hoch getrieben wurden."

Die Ausweichbörsen hinken den Leitbörsen regelmäßig hinterher. Bungeroth spricht von einer "Phasenverschiebung". Sind die Nebenwerte ausgereizt, kehren die Investoren an die großen Börsen zurück. Die Nebenmärkte verschwinden wieder aus dem Blickfeld und sinken oder stagnieren. Zimmermann meint, der Boden an den Leitbörsen sollte bald erreicht sein: "Einiges spricht dafür: Die Stimmungsindikatoren sind auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 1990, die Stimmung also schlechter als in der Asienkrise oder nach dem 11. September." Das wertet Zimmermann als Gegenindikator. "Zudem sind die Bewertungen der Aktien im Vergleich zu Anleihen attraktiv."

Die überdurchschnittliche Entwicklung der Nebenmärkte ist jedenfalls vorbei. Seit vier Monaten gibt es eine Flucht aus den sicheren Häfen; den derzeit erdrutschartigen Verlusten können sich auch die stillen Stars der vergangenen zwei Jahre nicht mehr entziehen. "Es gibt Gewinnmitnahmen, und Investoren bauen Liquidität auf, um übermäßig verprügelte Standardwerte kaufen zu können", sagt Bungeroth. Um 17 % sank der ATX seit Anfang Mai, um 28 % der MDax. Relativ zu den großen Indizes sind diese Verluste noch moderat: Der Dax 30-Index etwa verlor ein Drittel. Anzeichen für ein bevorstehendes Umschichten in die großen Börsen seien aber unverkennbar. Bungeroth ist sich sicher: "Wenn es zum Aufschwung kommt, werden die großen Börsen die Führungsrolle übernehmen." Besonders viel Potenzial hätten volatilere Werte. Das deutet sich schon bei kurzen Erholungen an, wie am Dienstag: Der Dax lag teils deutlich im Plus, der MDax im Minus. Ganz vorne waren Titel wie Schering und Bayer, die zuvor mit die größten Verluste hatten. "Im Aufschwung müssen Leerverkäufer Positionen glatt stellen", erklärt Bungeroth. "Institutionelle Anleger suchen sich Werte mit großen Volumina, und Privatanleger kaufen bekannte Namen."

Geht es wieder aufwärts, werden die Nebenmärkte zunächst nicht glänzen. Bungeroth sagt: "Sie werden erst im zweiten Schub eines mittelfristigen Aufschwungs wieder signifikant steigen. Wer jetzt einsteigt, sollte ausgewählte Titel der Leitbörsen kaufen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%