Experten rechnen mit weiteren spektakulären Zusammenbrüchen
Pleitewelle rollt über Deutschland

Die deutsche Konjunktur nimmt wieder Fahrt auf. Dennoch zeichnet sich ein neuer Pleitenrekord ab. Ein Grund dafür: Banken und Anleger verhalten sich derzeit ausgesprochen risikoscheu.

jkn/pbs FRANKFURT/DÜSSELDORF. Auf Deutschland rollt in diesem Jahr eine der heftigsten Pleitewellen in der Geschichte zu. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet mit rund 40 000 Firmeninsolvenzen im laufenden Jahr. Das wäre ein Anstieg um etwa ein Viertel.

Nach Ansicht von Experten werden Holzmann, Dornier und Herlitz weitere prominente Namen folgen. "Im vergangenen Jahr hatten wir 50 Pleiten außerhalb des Mittelstands. Vieles spricht dafür, dass wir diese Zahl in diesem Jahr mindestens wieder erreichen werden", erklärt Anne Sahm von Creditreform. Insbesondere die größeren Fälle dürften dazu führen, dass sich die Gesamtforderungen der Gläubiger von rund 30 Mrd. Euro im vergangenen Jahr deutlich erhöhen werden.

Besonders betroffen ist die Bauindustrie, die bereits im vergangenen Jahr mit rund 9 000 Pleiten an der Spitze lag. Aber auch der Technologiesektor muss bluten. "Hier wurden in der Vergangenheit massiv Kapazitäten aufgebaut, denen jetzt keine Nachfrage gegenübersteht", erläutert Kai Franke, Aktienstratege der BHF-Bank. "Wir werden am Neuen Markt noch einige Pleiten sehen, vor allem im Software-Bereich", bestätigt Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Die Entwicklung überrascht die Experten kaum. Insolvenzen häufen sich traditionell in der Endphase einer Rezession, heißt es bei Volkswirten. "Dann brauchen die Unternehmen frisches Geld", sagt Erich Gluch vom Ifo Institut für Wirtschaftforschung in München. Letztlich seien Pleiten ein Spätindikator für den Abschwung, bestätigt Holger Fahringkrug, Ökonom bei UBS Warburg. Es dauere eine Weile, bis Firmen ihre finanziellen Polster aufgebraucht haben.

Zweifel äußern die Ökonomen indes an der These, die Pleitewelle könne im Umkehrschluss als Frühindikator für einen Aufschwung gewertet werden. "Daraus kann man zuverlässig keinen Wendepunkt ableiten", warnt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. Eines bestätigt Ifo-Experte Gluch allerdings: Die Insolvenzflut signalisiere das Ende der Rezession.

Trotz dieser "normalen Entwicklung" sieht BHF-Experte Franke in der aktuellen Pleitewelle einige Besonderheiten. Zum einen habe sich die Wettbewerbssituation massiv verschärft. Zum anderen würden die Geldgeber wesentlich restriktiver als früher mit ihren Mittel umgehen. "Sowohl die Banken als auch die Aktionäre sind zurzeit sehr risikoscheu", bestätigt HSBC-Analyst Borghoff. Beide Faktoren erhöhten den Druck auf die Unternehmen. "Gab es früher die Chance, dass die aufkommende Konjunkturwelle auch langsamere Boote auftreibt, können sich die Firmen darauf nicht mehr verlassen", sagt Franke.

Allerdings sind Unternehmen wie Holzmann oder Dornier nach Ansicht der Experten nicht alleine über eine schwache Wirtschaft gestolpert. "Die Mehrzahl der Unternehmen hatte strukturelle Probleme", erklärt Hypo-Vereinsbank - Ökonom Hüfner.

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